Schauspieler Charly Hübner hat ein Buch über seine musikalische Sozialisation im Mecklenburg der Vorwendezeit geschrieben. Das Ergebnis ist ein wilder literarischer Ritt – Coming of Age zwischen Rockermärchen und Fantasy, bilderbesoffen wie eine Castorf-Inszenierung und nichts für Tinnitusgeplagte

Er sieht’s noch vor sich.

Das da, „misslich gekleidet, in weißen Halbschuhen mit Klettverschluss, stinknormalen Elpico-Jeans, einem nichtssagenden weißen Hemd und gekrönt von einer albernen Vokuhila-Frisur“ ist er. Carsti. Mit 14.

Das war der Plan für seinen ersten „Disco-Abend“: 1. zeigen, dass ich da bin 2. zeigen, dass ich Alkohol und Nikotin vertrage 3. zeigen, dass ich auf der Suche nach Girls bin. Tanzen war egal.

Und so lief’s wirklich – mit „Kopfschütteln, Kopf und Oberkörper mit voller Wucht nach vorne schmeißen, Luftgitarre in der Luft festhalten und so tun, als würde man spielen“.

Mit „Hopsen und Zucken:“ und einem Flug zu den Sternen durch ein fremdes, nie gehörtes „Lärmuniversum.“

AC/DC! Black Sabbath!! MOTÖRHEAD!!!

Entfesselung! Auflösung!! Katharsis!!!

„AC/DC war irre – Motörhead war Wahnsinn“, sagt Charly Hübner, 49, heute über die prägenden Momente seiner musikalischen Sozialisation damals, im Sommer ’86. Charly Hübner?

Echt jetzt?

Der Typ, der gerade als Kommissar Bukow im Rostocker „Polizeiruf“ diesen gaaanz langsamen, geräuschlosen Abgang hingelegt hat – ein Fan der lautesten und schnellsten Rockband der Welt?

DER Hübner, Ensemblemitglied am Hamburger Schauspielhaus, Träger des Gertrud Eysoldt-Rings, ein Mann der Hochkultur und der gehobenen Unterhaltung – ein Metalhead?

Yep!

Und das ist der Beweis: „Charly Hübner über Motörhead oder Warum ich James Last dankbar sein sollte“, jüngst  erschienen, ein neuer Band in der mittlerweile ansehnlichen KiWi Musikbibliothek, wo sich schon Antonia Baum zu Eminem, Sophie Passmann zu Frank Ocean oder Chilly Gonzales zu Enya bekannt haben, um mal das eine oder andere Beispiel zu nennen.

Jetzt also, mit buchstäblich dicker Lippe, Charly Hübner zu Motörhead.

Charlys ewige Nummer eins: Lemmy Kilmister, Motörhead und „Ace of Spades“

Aus dem ersten Abend, damals im Kulturhaus Juri Gagarin im Mecklenburger Land, kam er grade noch so raus – musste sich nur fragen lassen, ob er in Zukunft wirklich mit Asis abhängen will. Doch schon der zweite Abend endet in einer Massenschlägerei: Drei Heavys, von denen er nun einer ist, gegen eine Übermacht von Altrockern, (Spät-)Hippies und Poppern, die zur Musik von AC/DC, Judas Priest, Metallica und Motörhead nicht tanzen wollen.

Obervollhart, so Charly, sei diese Prügelei gewesen. Aber danach, die f6 zwischen den blutverkrusteten Lippen, schmeckte schon nach mehr.

Die eine Welt, in der ihn die Eltern auf langen Sonntagnachmittagsausfahrten mit Schlagermusik fütterten, zerfiel vor seinen Augen zu Staub – adio „Hossa! Hossa! Hossa“, ciao „Biskaya, Biscaya, Biscaya“. Eine andere tat sich auf.

Gott sei Dank!

Auch wenn es, laut Hübner, der Teufel war, Memphis mit Namen, Lordsiegelbewahrer des Blues, der seinem Leben diese Wende gab.

„Charly Hübner über Motörhead …“ ist das erste Buch des Schauspielers. Mal eine Coming of Age-Geschichte, so romantisch wie nostalgisch, aus einer Zeit, als Musik noch identitätsstiftend war. Mal einfach nur ein wilder Ritt – wobei das wachsende Vergnügen, mit dem man dieses Buch liest, auch damit zu tun hat, wie der Bühnenmensch Hübner dem Autor Hübner hier immer wieder dazwischen grätscht.

Da gibt’s den Teenager, der atemlos beschreibt, wie es ist, wenn man seine Lebensmusik findet und wie sich die Musik als Kitt erweist für die ersten, Ernst zu nehmenden Freundschaften im Leben.

Es gibt den beflissenen Schreiber, der kenntnisreich seine Motörhead-Passion analysiert. Der vom 1980 erschienenen „Ace of Spades“ als dem Schwarzen Album spricht. Oder davon erzählt, wie Motörhead einmal mit Girlschool, einer Frauenband, auf Tour gegangen sind – und beide aus purer Bewunderung die Songs der anderen gecovert haben. Motörhead mögen Desperados sein, Machos oder gar Chauvis waren sie nie. Das scheint in solchen Zeilen auf.

Man merkt, dass hier einer weiß, wovon er spricht – und auch, dass er seine Liebe auf die Probe gestellt hat, aber schnell wieder zurückgekommen ist: „Bis auf eine kurze Zeit zu Anfang des laufenden Jahrhunderts, in der ich versuchte, mich mit Elektronik und HipHop zu befassen, hörte und höre ich ihre Lieder“, beschreibt Hübner seine Langzeitbeziehung zu Motörhead.

Manchmal, aber wirklich nur selten, klingt, was er schreibt, wie eine Wortmeldung im poptheoretischen Diskurs. Öfter, viel öfter sogar bewegt sich Hübner durch die Erzählung wie Frank Castorf durch eine seiner Inszenierungen – bilderbesoffen, rauschhaft, fast wie im Delir. Dann tun sich Höllenschlünde auf in ansonsten still da liegenden Mecklenburger Seen. Zeitebenen geraten durcheinander. Partysäle im Hier und Jetzt, wo eben noch die letzten Gäste windschief, teilweise eingedöst und mit dem Kopf auf dem Tresen auf ihren Barhockern hingen, werden zum Höllentor, vor dem, wie von tausend Taranteln gestochen, schwarze Schatten im roten Schein um ihr Leben zappeln …

… und Memphis und Hübner geben sich High Five zu „Ace of Spades“!

Immerhin: Wer ahnungslos in diese Doku-Fiction stolpert, wird vor den Risiken und Nebenwirkungen der Lektüre gewarnt.

Hübner stellt klar, dass er seinen Hauptdarstellern, dem Teufel wie auch dem 2015 verstorbenen Motörhead-Gründer, Sänger und Bassisten Lemmy Kilmister, bisher nicht begegnet ist. Allen Unerschrockenen dagegen empfiehlt er die volle Dröhnung – nämlich während der Lektüre des folgenden Textes die zitierten Songs so laut wie möglich zu hören

Damit hinüber zum Schmalen Luzinsee, wo gerade die Fähre mit Bootsmann Timtim, Charly, Memphis und Lemmy Kilmister himself an Bord angetuckert kommt.

Nein, nicht Motörhead, die Beatles waren die größte Band aller Zeiten, hören wir Lemmy sagen. „Okay, Lemmy, I have to confess something: The Beatles don’t rock me“ bleibt Charly hart. 

Die beiden schenken sich nichts.

Als Timtim, der genau so aufgeregt ist wie Charly, davon erzählt, dass Charly selbst mal eine Band gehabt hat, dann aber Schauspieler geworden ist, platzt es aus Lemmy heraus: „Isn’t that … boring? It’s the opposite of rock’n’roll!“ 

Spoiler: Das ist nicht das Ende dieser wunderbaren Freundschaft. 

Motörhead sei für ihn gleichzeitig „Rettungsanker und Rakete im Arsch und ein Abstandshalter zwischen der Welt und mir“, lässt Hübner wissen.

Kein schlechter Deal, den der Teufel da eingefädelt hat …

Charly Hübner, Jahrgang 1972, geboren in Neustrelitz/ Mecklenburg, hat an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin studiert und danach in Frankfurt/Main und an der Schaubühne Berlin Theater gespielt. Einen seiner ersten Kinoauftritte hatte er 2006 in Florian Henckel von Donnersmarcks Oscar gekröntem Stasi-Drama „Das Leben der Anderen“. Von 2010 - 2022 ermittelte er als Kriminalhauptkommissar Alexander Bukow zusammen mit Anneke Kim Sarnau für den "Polizeiruf 110" in Rostock. 2017 drehte Hübner seinen ersten eigenen (Dokumentar-)Film "Wildes Herz" über die Punkband Feine Sahne Fischfilet, die sich offen gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie positioniert. Zur Zeit arbeitet er an der Verfilmung von Thees Uhlmanns Roman "Sophia, der Tod und ich". Am Schauspielhaus Hamburg ist er als "Coolhaze" im gleichnamigen Musical zu sehen. Hübner lebt in Hamburg. Sein Buch über Motörhead gibt es auch als Hörbuch (Roofmusic, 10 Euro)