Wie sie über Beziehungen redet, empfinden viele als grenzüberschreitend. Andererseits: Wo kommen wir hin, wenn es schon beim Sex immer nur um die Durchsetzung eigener Machtansprüche geht? Das ist die Frage, die Sabrina Teitelbaum aka Blondshell umtreibt – und ein Grund, warum sie in den USA als tabulose Feministin und „Pop Rule Breaker“ gilt. Das Porträt zum Erscheinen des neuen Blondshell-Albums im Herbst – plus anschließender „Scaring Strangers“-Tour
#1 BAUM
Sabrina Teitelbaum, geboren 1997 in New York City, wuchs in materiell stabilen Verhältnissen beim Vater auf. Dass ihre Mutter die Familie früh verließ, hat sie nachhaltig „traumatisiert“, wie sie sagt. Ob auch ihr ambivalentes Verhältnis zu Männern, das sie mit Wucht in vielen ihren Songs thematisiert, mit dieser Verlusterfahrung zu tun hat, wissen wir nicht. Nur, dass sie sich beizeiten in die Musik flüchtete. Musik wurde ihr Safe Space. Die ersten Songs schrieb sie mit sieben, erzählte sie Billboard. Mit 19 hatte sie das Material, den Namen für ihr erstes Projekt: BAUM und wusste ziemlich genau, was für eine Art von Musik sie ab sofort machen wollte. Was Echtes, Authentisches, mit ordentlich Krach, in das sie hineinpacken würde, was sie beschäftigte: Dinge, die nicht selbst erklärend waren für die junge Frau, die sie in dem Moment war. Fragen weiblicher Identität und Sexualität. Selbstunsicherheit und Zweifel, die an ihr nagten. Das klappte (fast) perfekt: BAUM-Titel wie „Hot Water“ oder auch „This Body“ von 2018 waren kein Grunge, wie gedacht, sondern Pop auf Höhe der Zeit. Electro- und Dance-Pop stellenweise sogar. Und noch etwas geschah, nicht ohne ihr Zutun, aber ohne dass sie damit gerechnet hätte: Den Blick nach innen gerichtet, kam ihr nicht in den Sinn, dass die Ergebnisse ihrer Selbstbefragung in irgendeiner Weise repräsentativ sein könnten, dass sie mit ihren Songs&Lyrics auch bei Anderen etwas auslösen könnte. Doch genau das war der Fall. Mit „Hot Water“, in dem sie ihre sexuellen Erfahrungen auf dem College reflektiert (und sich als queer outete), machte sie sich in der LGBTQ-Community einen Namen. „This Body“ wurde zur feministischen Hymne in Sachen Bodypositivity und Inklusion. „Das fühlt sich so an, als würde ich auf eine wirklich schöne Weise gehört werden“, stellte sie perplex fest. Offenbar war sie nicht allein mit dieser inneren Stimme, die ihr sagte, dass „man sein kann, was man will, und so aussehen kann, wie man aussieht“ – und dass es möglich sein muss, „den eigenen Körper zu zeigen, ohne deswegen sexualisiert zu werden“. Das machte ihr Mut. Den Weg wollte sie weiter gehen: „Ich möchte“, sagte sie, „dass meine Musik und meine Präsenz als Künstlerin immer einen sicheren Raum für Menschen schaffen.“ Man hat schon Leute mit weniger Anspruch böse scheitern sehen.
#2 SHIT HIT THE FAN
Ihr Umzug von NYC nach Los Angeles mit 18, die Songwriting-Kurse, die sie dort an der USC besuchte, der überraschende, schnelle Erfolg mit BAUM, ihre wachsende Fanbase: Das Leben, so schien es, meinte es gut mit Sabrina Teitelbaum. Sie wirkte befreit. Und wurde noch mutiger in ihren Songs. „Fuckboy“ zum Beispiel führt hinein in eine Situationship, in der sich der (männliche) Part trollt, wenn er auf seine Kosten gekommen ist. Mhm, sagt Teitelbaum: „You ain’t here for talking/ You ain’t here for loving/ And I know anybody’s hands would do/ You ain’t here to listen/ You don’t want that real shit …“ Aber weißt du, mach dir keinen Kopf: „… it’s cool ‚cause I’m a fuckboy too/ A fuckboy boy too, too/ Just like you, a fuckboy too“. Sie selbst würde sich „eigentlich überhaupt nicht als Fuckboy bezeichnen“, stellte Teitelbaum nach den ersten, stürmischen Reaktionen klar. Aber: „Ich habe genug von der Annahme, dass ich als Frau nicht in der Lage sein soll, etwas Unverbindliches zu wollen.“ Ihre Single, die im Mai 2019 erschien und die letzte BAUM-Single sein sollte, ging daraufhin durch die Decke: Praktisch auf der Stelle war vom „Best New Indie Song“ die Rede. Teitelbaum wurde als „Pop Rule Breaker“ gefeiert. Sie wurde bewundert dafür, wie sie „mit Geschlechter-Stereotypen bricht“. „2019 is shaping up to be a huge year for Fuckboys, and it just might be for BAUM as well“ prophezeite das Musikportal We Are:The Guard. Die eigentliche Sensation aber ging im Trubel unter. Denn in Wirklichkeit war es ein Wunder – und ein Akt grandioser Selbstbehauptung – dass es die Produktion überhaupt gab. „2019 war ein einziges Chaos für mich“, sagt Teitelbaum heute, und alles begann damit, dass ein paar Tage nach Neujahr ihre Mutter starb. Kurz darauf trennte sie sich von ihrem langjährigen ersten Freund. Dann trennten sich auch sie und ihr langjähriger Manager. „Viele Menschen, auf die ich mich verlassen hatte, sind nicht mehr in meinem Leben“, stellte sie fassungslos fest. Und es wurde nicht besser. Denn was dann kam, zwang sie wie viele andere Künstler:innen in die Isolation. Die Pandemie warf sie endgültig auf sich selbst zurück. Danach war BAUM Geschichte. Und sie selbst, bei ihrem Comeback, eine Andere, wie der folgende Clip beweist.
#3 BECOMING BLONDSHELL
„Olympus“ heißt der Song, den Sabrina Teitelbaum hier in der Morning Show bei ACL-Radio in Austin/ Texas im Frühjahr 2023 live performt – und es ist nicht BAUM, sondern Blondshell, die da singt, und es fühlt sich komplett anders an. Schon, wie sie die Bühne betritt: im Slacker-Look, mit Arbeitshose, T-Shirt und offenem Hemd, eine Wollmütze auf dem Kopf – widerstrebend fast und hoch konzentriert. Was sofort auffällt, ist die Abwesenheit alles Hochgepitchten; die Gitarren, die es bei BAUM nicht gab; der Luxus und die Freiheit, den Blondshell sich erlauben, Töne auch einfach mal im Raum stehen zu lassen. Signifikant sind die Unterschiede auch in der Erzählweise und in der Komplexität des Themas. Gestenreich und eindringlich, beinah im Stil einer antiken Tragödin, breitet sie in „Olympus“ die Details einer toxischen Beziehung vor uns aus. Die gegenseitigen Abhängigkeiten, wie Alkohol und Drogen jeden Respekt voreinander zerfressen, die Ausweglosigkeit und erbarmungswürdigen Versuche, sich aus der Situation zu befreien: „I wanna save myself you’re part of my addiction/ I just keep you in the kitchen while I burn“. Aber es wird nichts nützen: „Can’t get through winter/ At your house sweat out the drugs all/ through the summer/ Let my heart sleep in the gutter/ Wish I remember when we kissed but/ now it’s faded/ Cuz I always just replayed it til it left.“ Ärger, Wut, Verzweiflung, Aggression – und dieser verdammte Funken Hoffnung, das Schicksal (?) doch irgendwie zwingen zu können – das alles war in Teitelbaums Musik bisher so nicht zu hören. Sie habe sich nicht vorstellen können, dass ihr Publikum solche Geschichten von ihr akzeptiert, erklärte sie später dem NME. Und bevor sie es dann doch riskierte, postete sie auf Instagram sicherheitshalber eine Triggerwarnung: „Das ist genau die Musik, die ich immer machen wollte – und vor der ich immer Angst hatte“. Eines gar nicht so fernen Tages würden ihre Follower auf den großen Festivals von Glastonbury bis Roskilde oder Coachella gemeinsam mit ihr ihre Wut umarmen. Damals, in den Tagen des Lockdowns, als sie in ihrer Wohnung im Osten LA’s feststeckte, war an Konzerte nicht zu denken. Das Leben? Musste warten. Und sie musste die Geschichten in sich selber suchen. Als alles vorbei war, war sie um eine zentrale Erkenntnis reicher: „Ich denke“, sagte sie, „es ist beängstigender, wirklich zu zeigen, wer du in deiner Musik bist, anstatt zu versuchen, jemand anderes zu sein.“ Wild entschlossen machte sie sich auf den Weg.
#4 KISS CITY
Schau, wie die Sonne den Morgennebel über dem Pazifik zerreißt und eine sanfte Brise die Palmen in Santa Monica streichelt: „Palm in palm/ it turns me on“, singt Sabrina Teitelbaum in „Kiss City“, der zweiten Blondshell-Single, die im Juli 2022 gerade mal vier Wochen nach „Olympus“ erschien. Die Songs fielen ihr in dieser Zeit wie reife Früchte in den Schoß – Ergebnis des Schaffensdrucks, den sie sich in der Pandemie verordnet hatte. „Kiss City“ nun wirkt tatsächlich etwas müde. Unausgeschlafen. Das könnte an der Arbeit liegen – vielleicht war es aber auch nur die letzte Nacht: „Kiss City/ Just look me in the eye/ When I’m about to finish/ Kiss City/ I think my kink is when you tell me/ that you think I’m pretty“. Ikonische Zeilen wie diese, die man schon nach dem ersten Hören nicht mehr vergisst, schreibt niemand, der nicht wenigstens eine vage Vorstellung hat von Glück. Aber wie heißt es in Bret Easton Ellis‘ früher LA-Fantasie „Less than zero“: „This is the game that moves as you play“. Sie bemühte sich also nach Kräften, das Glück oder wenigstens ein Zipfelchen davon festzuhalten. Dabei wurde ihr bewusst, wie gut die Luftveränderung ihr tat: Raus aus dem intellektuell angespannten Klima in New York hinein in eine Szene, die einen eher lässigen, aber keineswegs unverbindlichen Umgang miteinander pflegt. Anders als Ellis‘ Titelheld Clay, der es auf seiner Stolperfahrt durch LA ständig nur mit sozialverwahrlosten Künstlerkindern zu tun bekommt, die bedröhnt in den Villen ihrer Hollywood-Eltern herumhängen und sich buchstäblich zu Tode langweilen, genießt Teitelbaum ihren kreativen Flash. Der Produzent Yves Rothman (Girlpool, Girl in Red, Empress of, Miya Folick, Sunflower Bean, Warpaint) hatte sie nach „Olympus“ gebeten, dran zu bleiben: Ob sie noch ein paar Songs dieser Art daheim in irgendwelchen Schubläden bei sich herumliegen habe? Kein Problem, sagte sie. Wieder exakt vier Wochen nach „Kiss City“ erschien mit „Sepsis“ die dritte Blondshell-Single, wieder mit risky Storytelling („I’m going back to him/ I know my therapist’s pissed“) und ein paar von diesen Zeilen, für die man sie in ländlichen Gegenden des, sagen wir: Mittleren Westens glatt kreuzigen würde: „And I think I believe in getting saved/ Not by Jesus‘ validation/ In some dudes‘ gaze/ And I think I believe in getting saved/ Holy water pull my hair right/ From the base“. Von da an gilt sie als furchtlos und unerschrocken. Oder, je nachdem, auch als provokativ und neurotisch. Nur keine Meinung zu Blondshell zu haben, wird allmählich schwierig.
#5 OBAMA’S CHOICE
Ein paar Dinge über Amerika sollte man wissen und dazu gehören: Die Prüderie und Bigotterie in Sachen Sex, die Verkniffenheit einerseits und die Abgründe, in die man schaut, andererseits. Querness kann deine Existenz ruinieren. Ein toxischer Malegaze weht durchs Land. Und es geht insgesamt rückwärts, in die Antimoderne, mit Zügen eines neuen McCarthyismus. So gesehen, war es durchaus eine Nachricht, dass ausgerechnet Sabrina Teitelbaum es 2023 mit Blondshell auf Barack Obamas Playlist mit den Besten Songs des Jahres schaffte. Man kann darin ein Zeichen sehen: Die Anerkennung ihrer Unerschrockenheit, die Ermunterung, so weiter zu machen. Und natürlich kann die Empfehlung eines Ex-Präsidenten vom Format Obamas, der in den Augen Vieler für ein anderes, besseres, freiheitsliebendes Amerika steht, die Karriere einer Newcomerin pushen. Wenn man dann aber genauer hinschaut und sieht, für welchen Song Obama sich entschieden hat, wird’s interessant. Denn es ist keiner von den kontroversen, oft auch verstörenden, sondern der mit Abstand harmloseste von Blondshells im April ’23 erschienenen ersten Album („Blondshell“). „Joiner“ erzählt von den Optionen, die du hast als junger Mensch: Von dem, was in dir steckt, dass du die Wahl hast, dich aber auch entscheiden musst und die Weichen in jedem Moment falsch stellen kannst. Es ist ein sehr typisches, sehr amerikanisches Coming of Age. Mutiger wäre gewesen, wenn Obama sich (z.B.) für den Album-Opener „Veronica Mars“ entschieden hätte, laut Teitelbaum eine Geschichte über Medienkonsum und darüber, wie die Gesellschaft Kinder mit Inhalten flutet, die sie nicht verarbeiten können – was in ihrem Fall dazu führte, „dass man aufwächst und denkt, Männer sind heiß, wenn sie Arschlöcher sind“. Musikalisch verneigt sich Teitelbaum mit „Veronica Mars“ vor ihren Vorbildern Courtney Love und PJ Harvey. „Joiner“ dagegen ist (wenn auch feiner) Britpop und wirkt allein schon deshalb wie ein Fremdkörper auf dem Album. Ob Obamas Like ihr Leben verändert hätte, fragte das People-Magazin Teitelbaum deshalb später mal. „Oh“, sagte Teitelbaum: „Ich würde nicht sagen, dass es mein Leben verändert hat! Es war cool. Ich war nur überrascht, welchen Song er sich ausgesucht hat. Aber dann dachte ich: Okay, es ist der ohne Schimpfwörter. Das macht Sinn.“
#6 SCANDAL
Immer wieder eintauchen in die Dunkelzonen deines Ichs, sich dabei nicht verkriechen, sondern angreifen, in die Offensive gehen und, ja, auch Antworten einfordern: Das kostet Kraft. Es bringt dich, zuverlässig, ans Limit. Aber Sabrina kann auch über sich lachen: „Without Make up I Almost Scare Myself“ steht auf einem ihrer T-Shirts, „Breaking News: Nobody Cares“ auf einem anderen, und als wir zuletzt online bei ihr im Shop geguckt haben, waren die schrillen, grün-gelben Socken mit der Aufschrift „Tits“ und „Ass“ gerade ausverkauft. Sie reizt es also schon auch aus. Entwickelte aber – unter dem Eindruck des Tourings mit dem ersten Album, der Vielzahl der Auftritte und der damit verbundenen, allabendlichen Auseinandersetzung mit ihren Songs und Geschichten – auch ein neues Gefühl für Zwischentöne. „Blondshell“ sei sehr rigoros und „Schwarz-Weiß“ gewesen. Das zweite Album („If You Asked For A Picture“), das im Mai 2025 erscheinen sollte, sei mehr eins der „Grautöne“, so Teitelbaum. Doch den Prozess, den sie schon hinter sich hatte, hatten Andere – wie die US-Late Night-Hosts Jimmy Fallon und Jimmy Kimmel – noch vor sich. Schon Fallon, der eigentlich als der Zögerlichere von beiden gilt, suchte sich für die Album-Präsentation von „Blondshell“ im April 2023 mit „Salad“ die Nummer mit dem größten Aufreger-Potenzial aus: die Rache-Fantasie einer jungen Frau, deren beste Freundin schwer missbraucht worden ist und zusehen muss, wie der Täter vor Gericht freigesprochen wird und grinsend abzieht. „Salad“ erzählt von Angst- und Zwangsvorstellungen, die die junge Frau daraufhin entwickelt: „Keep an eye out for his pickup/ I know all about it/ I would take a gun out/ Put some poison in his salad and it/ Wouldn’t be so bad/ It wouldn’t hurt the world/ Look what you did/ You’ll make a killer of a jewish girl“. Aber ist es auch klar, was nach den 4:34 dieses sensibel gezeichneten Psychodramas in den Köpfen der meisten Zuhörer übrig bleiben wird: Frau nietet Mann um. Oder stellt es sich auch bloß vor. Es gibt andere Wege, um sich im Amerika von heute beliebt zu machen. Trotzdem gab auch Jimmy Kimmel der Versuchung nach, als er Teitelbaum im März 2025 mit „T&A“, der Leadsingle ihres zweiten Albums, ins Feuer schickte: Er wusste: Das steigert die Quote. Und natürlich ging sie hin.
#7 T&A
„Okay, es gibt da diese Platte von den Stones, „Tattoo You“, und darauf diesen Song „Little T&A“, und an einer Stelle sagt er: „tits and ass“ Also habe ich mir das ausgeliehen.“ So oder so ähnlich klingt es, wenn Teitelbaum erklärt, wofür dieses „T&A“ bei ihr steht. Sie wird das immer wieder gefragt, obwohl sie es in ihrem Song (wie Keith Richards in seinem) unmissverständlich ausbuchstabiert. Es geht also im Zweifel gar nicht um die Antwort. Sondern darum auszutesten, wie hart diese junge Frau wirklich drauf ist und ob man sie, wenn man’s drauf anlegt, in Verlegenheit bringen kann. Die Antwort lautet: Nein. Spannender wäre ohnehin, ob sie sich für „T&A“ auch sonst von Richards hat inspirieren lassen. Denn ihm zufolge steht sein Song für „jede gute Zeit, die ich mit Leuten hatte, die ich für ein oder zwei Nächte getroffen habe … und für den Müll, der in solchen Situationen manchmal passiert, wenn du jemanden unbekannterweise triffst und nicht weißt, was dich erwartet.“ So ähnlich ist auch das Setting in „T&A“. Nur das Teitelbaum hier noch weiter geht. Bei ihr ist auch so genannten guten Freunden nur bedingt zu trauen: „I asked him why he had this feelings/ He said your tits and don’t really hurt …“ Schnell entwickelt sich hier eine unglückliche Dynamik: „T&A“ ist kein dezidiert männerfeindlicher Song. Es ist mehr ein Dokument zunehmender Ratlosigkeit. „Letting him in/ Why don’t the good ones love me“, barmt Blondshell. Fast wünscht man sich, dass jemand von Außen eingreift und den Beteiligten hilft. Doch die Person, die es gäbe, kommt nicht in Frage: „I can’t tell my sister we’re together/ She knows about that fight/ remember“. Viele „Grautöne“ also, weniger „Schwarz-Weiß“. Und doch: Als Teitelbaum im Mai 2025 bei Kimmel einläuft, um „T&A“ vor einem Millionenpublikum zu promoten, ist sie vorbereitet. Nicht nur ihr, auch Kimmel ist klar, dass der furchteinflößende, offizielle Clip zur Single (s.u.) kaum zur Befriedung der Manosphere beitragen wird, die sich von ihr sowieso auf den Schlips getreten fühlt. Also verschafft sie sich erst mal Respekt. Im streng formellen Look – schwarzer Hosenanzug, weiße Bluse mit gestärktem Kragen – zündet Blondshell in dieser Nacht die zweite Stufe ihrer rasanten Karriere.
#7 DEFINITELY, MAYBE
Jede:r hat so seinen Blondshell-Moment, der hier war unserer: Unfassbar, wie unterkühlt-lässig die Band bei dieser Live-Performance mit den Signature-Songs ihres zweiten Albums umgeht! Man könnte glauben, sie hätten beim Frühstück im Diner um die Ecke beschlossen, spontan noch bei KEXP reinzuschauen, sich nur noch schnell die letzten Brösel aus den Mundwinkeln gezupft, und jetzt stehen sie da: Teitelbaum, Kerri Stewart (g), Ray Libby (g), Maia Nelson (b) und Anna Crane (dr), unter diesen Lichtern, die aussehen wie erwartungsfroh blinkende Sterne. Alles hier wirkt leicht verstrahlt, die Band, voran Teitelbaum, wie Zeitreisende aus den 90ern. Wiedergeborene Slacker. „If You Asked For A Picture“ sollte anders als das Single-getriebene, stilistisch offenere „Blondshell“ als Album im klassischen Sinn funktionieren. Die Leute sollten es als Ganzes hören. Das hatten Produzent Rothman und Sabrina sich vorgenommen, ein Anachronismus, eigentlich. Doch an diesem Tag, in diesem Set, zeigt sich, dass das kein schlechter Plan war. Es ist ein verführerischer Klangteppich, den Blondshell hier ausrollen, mit Background-Vocals von Maia Nelson, die an den lieblichen (und lebensgefährlichen) Gesang der Sirenen erinnern. Teitelbaum nölt sich wie Michael Stipe durch ihre Songs – „23’s A Baby“/ „Toy“/ „Event Of A Fire“/ „T&A“ – mit dem Effekt, dass diese noch drängender wirken. Das Ganze fühlt sich an, als ob man sich (rein musikalisch) auf Treibsand bewegt. Wow, denkt man noch, ab sofort passen wir lieber auf – und schon haben sie dich da, wo sie dich haben wollen, bei den Zeilen, die aus den Songs aufsteigen und an denen du versuchst, dich festzuhalten. Weil Teitelbaum offenbar ahnt, was kommt (nämlich, dass auch der grundsympathische, liebe, nette KEXP-Host Troy Nelson sie wieder nach „T&A“ fragen wird), geht sie gleich in die Vollen und startet das Set mit „23’s A Baby“, einem weiteren, schmerzvollen Eintauchen in ihr Mutter-Tochter-Trauma: „Cleaning up your mess/ No cause of explanation/ Love to the death/ One last vacation“. Die bohrende Frage, wie man überhaupt mit 23 ein Kind bekommen kann, wenn man keinen Bock hat, sich drum zu kümmern. ist aber nur eine Facette dieses Songs. Teitelbaum reflektiert darin, auf einer anderen Ebene, auch ihre Erfahrungen mit älteren Männern: „23’s a baby/ Why’d you have a baby“? Wie Leuchtfeuer oder Positionslichter weisen Sabrinas Lyrics dir den Weg: „We’re passing New Jersey’s Tony Soprano memorial center…“ („Event of Fire“). Die Reise? Geht weiter …
#8 HEART HAS TO WORK
Im Juni 2026 war bei Teitelbaums New Yorker Label Partisan Records Land unter. Wobei: Eigentlich hatte es im März, mit dem Hype um das dritte Solo-Album von Kim Gordon (Sonic Youth) schon angefangen. Jetzt gab’s Neues von PJ Harvey. Ein lang erwartetes Album von Beth Orton. Und drüben in LA scharrten Blondshell mit den Hufen. Als Digital Natives, die es gewohnt sind, dass immer alles von jetzt auf gleich passiert, konnten sie es kaum erwarten, ihre Botschaft unter die Leute zu bringen: „Heart Has To Work So Hard“, die erste Single aus dem für Ende September angekündigten neuen Album „Violins“, war draußen. Der Vorverkauf für die im Oktober startende „Scaring Strangers“-Tour durch die USA und Europa hatte begonnen (O-Ton Teitelbaum: „Ich werde mich an euch hängen wie eine Klette!“). Schließlich, während sie bei Partisan noch am Update für die Neukonzeption ihres Online-Auftritts arbeiteten, der ultimative Post: „My third album, Violins, comes out September 25th. Each time I get to do this the music ends up closer to what I intended. I feel so proud of the record and excited to show you. The title track is out now along with a video of me trying to save a fawn made of ice. Ily“. Ein (Reh-)Kitz also. Aus Eis. In einer Kunstinstallation, während draußen, in der ersten, gigantischen Hitzewelle dieses Sommers, schon wieder die Wälder brannten. Vor eineinhalb Jahren, unter dem Eindruck der verheerenden Waldbrände in Südkalifornien, hatte Teitelbaum über die sozialen Medien um Spenden für Hilfsorganisationen gebeten. Sollte „Violins“ ein Kommentar zur Klimakrise sein, ist er ein vielleicht bisschen artsy geraten. Allerdings könnte es sich bei der bedrohten Art auch um die Spezies Mann handeln, dann wär’s schon wieder böse und auf eine gewisse Art – zum Schießen. Egal! Denn uns gefällt „Heart Has To Work So Hard“ eh besser. Mag sein, dass Teitelbaum im Privaten in die Phase der Beziehungsarbeit eingetreten ist. Der Song aber und die Lyrics („You give me paws/ You get me scaring strangers/ You get me critisizing/ You make this feel like labor/ My heart has to work so hard/ when you’re around/ My heart has to work so hard/ when you’re around“) haben richtig Biss. Blondshell klingen hier tatsächlich nach Gang of Four, der britischen Postpunk-Band, die sie bei Partisan als Referenz aufrufen: Kalt und schneidend. Unbedingt laut hören!!!




