Die queere Indiepop-Band Erleuchtung und Rufo aus München ist der Headact beim diesjährigen Rescue & Shelter-Festival in Regensburg. Man kennt sich, man schätzt sich, es matcht. Denn: Wie den Veranstaltern von Sea Eye und SoliAsyl geht es auch den Musiker:innen um eine menschlichere Gesellschaft. Die Rufos Dodo und Lars über das politische Selbstverständnis ihrer bunten Truppe und gewisse – unveräußerliche – Grundüberzeugungen

Hallo ihr Lieben! Alles fein bei euch? Ich hoff’, ihr chillt ein bisschen?

Dodo: Ja, es ist sehr warm, aber schön …

Lars: Alles gut!

Lars hat was von recording session gesagt. Das heißt, ihr habt neue Songs aufgenommen?

Dodo: Jaaa. Ein ganzes Album! Es waren vier Tage voller Stress. Aber auch schön, was zusammen zu machen. Als Band, unter Freunden, mal wieder. 

Erleuchtung und Rufo gibt’s, wenn ich das richtig abgespeichert hab, seit 2018. Wie habt ihr euch gefunden?

Dodo: Okay, ja (lacht), da muss ich jetzt ein bisschen ausholen! Die frontsingende Person – sie heißt Spüli und am besten keine Pronomen – und ich kennen uns seit dem Kindergarten. Unsere Eltern sind auch musizierende Leute. Und wir waren auch immer zusammen in Urlaub, mit unseren Familien, und weil die alle sehr musikalisch sind, war klar, dass das irgendwann auch auf uns abfärbt. Spüli und ich haben dann bald beschlossen, dass wir zu zweit was machen wollen: Spüli ist eine krass gute Schlagzeuger:in und ich konnte zu dem Zeitpunkt gerade mal Ukulele spielen. Unsere ersten Stücke haben wir deshalb mit GarageBand und Ukulele auf Soundcloud hochgeladen und dann über eine andere Band, in der Spüli war, unsere Bassistin – Liv – dazu geholt. Die Jungs, Lars (dr) und Nico (g), haben wir über Tinder-Bekanntschaften kennengelernt (lacht)

Dodo, Spüli in „Cassie“: „Durch die Zauberblume schauen“

Was ist war/ ist so eure Vorstellung von der Band?

Dodo: Also von meiner und vielleicht noch Spülis Seite aus gesehen war die Band vor allem ein Ventil, die Möglichkeit, Gefühle rauszulassen – den ersten Herzschmerz, den man als ganz junger Mensch so erlebt. Jetzt, im Erwachsenenalter, ist es weniger Trauer als vielmehr die Wut, die aufgekommen ist, seit wir uns mehr mit dem politischen Geschehen befassen.

Lars: Die Bedeutung hinter der Musik war auf jeden Fall ein Grund für die anderen Personen, die noch dazugekommen sind, mitzumachen. Neben dem Spaß am Musizieren, den wir natürlich auch haben. So fifty-fifty vielleicht.

Darf ich sagen, was mir an Erleuchtung und Rufo gefällt?

Dodo: Ja bitte, bitte, natürlich! 

Es ist ein merkwürdiges Phänomen. Ich hab’s wiederholt ausprobiert. Und es ist jedes Mal dasselbe: Wenn ich Songs wie „Kleiner Prinz“, „Bett“ oder „Ophelia“ von euch höre, weiß ich nicht, wach oder träum ich – und danach muss ich mir immer erst den Feenstaub aus den Kleidern klopfen, um wieder aufzutauchen. Gehört dieses Quantum Verzauberung bei euch zum Konzept?

Dodo: Verzauberung ist so ein wunderschönes Wort dafür! Ich würd’s so beschreiben, dass man einfach sein inneres Kind weiterhin kreativ aufblühen lassen sollte. Irgendwie sowas in der Art: Neben allem ernsten Scheiß, der so passiert, einfach durch die Zauberblume schauen, das Bunte und Schöne sehen, auch wenn es nur herbei fantasiert ist. Und daraus gute Energie ziehen. 

Lars: Es ist wichtig, glaub ich, dass man diesen Zugang nicht verliert! Dass man mit dem Eintritt ins Erwachsenenleben nicht in so eine Monotonie verfällt. Da habe ich auch voll die Sorge vor!

Was auch auffällt: Ihr verkleidet euch gern – und immer wieder neu. Nur so zum Spaß?

Dodo: Mir macht das Spaß. Ja. Ich lieb’ das!

Lars: Es kommt auch mal vor, dass es zur Botschaft passt, um die es uns geht. Wenn wir zum Beispiel auf ner Demo spielen wie bei „Pro Choice“, für das Recht auf körperliche Selbstbestimmung von Frauen in Sachen Abtreibung, liegt es nahe, dass auch das Outfit politischer ausfällt. Ansonsten ist es einfach ne herrliche Spielerei, wenn Spüli uns schminkt und alle von Dodo eingekleidet werden. Dodo hat ja auch nen Schneider:innen-Hintergrund …

Die Verkleidung macht, dass eure Konzerte oft wie eine Performance wirken. Habt ihr eine Affinität zum Theater?

Dodo: Ja! Spüli und ich und tatsächlich auch Lars, wir sind alle so Theaterkinder, würde ich einfach mal behaupten. Auch Nico und Liv haben in ihrer Schulzeit Theater gespielt – hat Liv mir mal erzählt. Ich selber arbeite auch immer noch fürs Theater. Mach da Kostüm. Und stand mit Spüli auch schon öfter auf so Freie Szene-Theaterbühnen und wir haben da was aufgeführt. Lars genauso. Also, wir lieben Performance – und wenn man das noch mit Musik verbinden kann, ist es das Tollste überhaupt!

Das Quantum Verzauberung: Erleuchtung und Rufo live

Ich weiß, ihr mögt’s nicht so, wenn man versucht, eure Musik auf einen Nenner zu bringen oder in Schubladen zu stecken. Aber: Wär’s grundsätzlich verkehrt, von queerem Indiepop zu sprechen?

Dodo: Nee, überhaupt nicht. Ich glaub’ sogar, das ist das Schönste, was ich als Kategorie bis jetzt über uns gehört habe. Gefällt mir, der Begriff! 

Lars: Also, Indie ist auf jeden Fall mit dabei …

Dodo: Pop auch! Queer eh.

Lars: Bisschen experimentelle Musik war mal dabei, aber so experimentell sind wir dann doch wieder nicht. Indie trifft es schon viel besser. 

Euer Label Schaufel & Besen Records versteht sich als „Non-Profit-Label für die Subkultur Münchens“. Inwieweit und warum seid ihr Underground?

Lars: Gute Frage! Ich glaub, das hat weniger mit uns als mit dem Selbstverständnis der Menschen dort zu tun – dass das eben kein typisches Label ist im Sinne von: Sie wollen jetzt Gewinne sehen. Im Gegenteil. Die verdienen nix an uns. Es ist mehr so ein Projekt mit vielen Bands, die Gründer:innen sind auch Teil einer Band und der Hauptzweck ist, sich zu connecten …

Dodo: Es ist sehr viel Unterstützung untereinander da, was sehr, sehr schön ist. Sie haben uns auch mit unserem Spotify-Kanal geholfen, wo wir so überhaupt keinen Plan hatten. Es sind halt Leute, die erfahrener sind. Die schon länger in der Musikbranche sind und mehr Know How haben vielleicht. Die mir auch wirklich gute Ideen und Tipps gegeben haben in Sachen Songwriting – und das alles auf eine sehr herzliche Art. Der Grund, warum die/ wir Underground geblieben sind, ist glaube ich tatsächlich, dass wir alle ein bisschen Scheiße sind im Vernetzen …

… und, speziell bei euch, vielleicht auch eure Eigenwilligkeit? Gibt’s Widerstände/ Ressentiments, mit denen ihr zu kämpfen habt, weil ihr so seid wie ihr seid und da auch keine Kompromisse macht? 

Dodo: Widerstände in dem Sinn nicht. Aber aus der Perspektive der weiblich gelesenen Personen in der Band ist es so, dass man einfach sehr oft keine Lust hat, dass irgendwelche Männer einem irgendwas erklären, wenn’s um die eigene Kunst geht – und das passiert leider ziemlich oft. Die Folge ist, dass man halt krass aufpassen muss die ganze Zeit. Weil man eben nicht in so ein Kollektiv-Grau mit rein möchte, wo man weiß: Okay, das sind jetzt 20 linke Männer und die wirken alle sehr cool. Aber am Ende sind’s doch nur irgendwelche Typen, die im Feminismus ein Seitenprojekt sehen. 

Lars: Das ist so eine Basiserfahrung, die man macht und mit der wir auch erst lernen mussten umzugehen: Dass man – egal, wie wohl man denkt sich zu fühlen unter Menschen mit gleichen moralischen Werten –  trotzdem Reibungen haben kann mit den Persönlichkeiten dieser Menschen. Auch wenn wir uns hier alle auch als links verstehen.

Wie verarbeitet ihr das in euren Songs?

Dodo: Ich würde sagen, zuerst kommt die Wut. Weil trotz der Machtlosigkeit, die man in solchen Situationen spürt, kannst du dich ja nicht mit jedem krassen Typen, mit dem du connected bist, total streiten – auch wenn es genau das ist, was du möchtest. Das meine ich mit Machtlosigkeit. Dann kommt sehr schnell die Wut, dann wird die Wut rausgeschrieben, rausgeschrien dann auch auf der Bühne, und dann kommt irgendwann nur noch die Trauer. Und wieder diese Machtlosigkeit. 

„Ich hasse Männer, aber es macht mir keinen Spaß“, heißt es in „Männerhass“. Euer heimlicher oder – für manche – auch unheimlicher Hit?

Dodo: Ja. Schon. Ich hab’ auf Instagram tatsächlich viele Konversationen mit Männern gehabt, die den Song ganz schrecklich fanden. Und irgendwann habe ich dann angefangen, einfach nur noch die immer gleiche Antwort in copy and paste zu posten, weil auch immer das Gleiche kam so in der Art: „Wie kannst du nur Männer hassen? Du hast doch auch einen Vater!“ Sie verstehen Null. Und gehen trotzdem auf dich los. Das ist so der erste Impuls bei diesen Menschen.

Lars: Dass der Song natürlich eine Provokation ist und auch sein soll, geht da genauso unter wie die Textzeile „aber es macht mir keinen Spaß“, die ja (auch) als Einladung gemeint ist und die man eigentlich nicht missverstehen kann, wenn man fair und unvoreingenommen da ran geht. Bezeichnend – und traurig – finde ich in dem Zusammenhang, dass sich nur wenige Menschen über den Frauenhass im Rap beschweren und über die Diskriminierung, die da stattfindet. Schon interessant, wie sensibel Männer sein können, wenn sie sich selbst angegriffen fühlen!

„Punani“ ist eine Kampfansage an die Heteronormativität, eure „flammenden Worte für alle, die ein bisschen mehr wollen“, schreibt ihr auf bandcamp. Kommt das bei allen im Publikum gleich gut an?

Dodo: Naja, im Konzert habe ich mal beim Blick ins Publikum einen Papi gesehen, der seinem Sohn das Handy weg genommen hat. Wahrscheinlich, weil der googlen wollte, was dieses Punani bedeutet. Ich weiß aber nicht, wie das ausgegangen ist (lacht)

Wir können auch anders (v.l.): Nico, Spüli, Liv, Lars und Dodo

Sollten wir die Liebe neu denken?

Dodo: Absolut! Und was mir da, lustigerweise, als Erstes einfällt, ist die Nächstenliebe – und zwar wirklich auch im christlichen Sinn. Die wird da halt total vergessen, weil bei uns achtet man ja vor allem auf sich selbst und auf sein Kapital und wie gut’s einem geht. Nächstenliebe dagegen ist die Liebe, die jetzt vielleicht nicht in deinem Umfeld da ist. Aber sie ist vielleicht oder hoffentlich für Andere da. Ich meine: Man muss jetzt nicht jeden Menschen in der Welt lieben, absolut nicht, viele haben das auch gar nicht mal verdient, finde ich. Aber ein Minimum an Respekt wär schon schön …

Lars: … und mehr Verständnis und Empathie für Menschen in Situationen, für die sie selbst oft gar nichts können! 

Eigentlich ist alles, was wir immer so an Grundwerten vor uns her tragen – Solidarität und Gemeinwohl, Fürsorge für die Benachteiligten, Verantwortung für die Generationen nach uns – eine Ausprägung von Liebe, schreibt der Essayist Daniel Schreiber in seinem neuen Buch „Liebe. Ein Aufruf“. Hat er Recht?

Dodo: Definitiv. Ich denke mal, der Grund, warum man sich hier und jetzt politisch einsetzt, ist natürlich, dass man für sich selber ein schönes Leben haben möchte – aber auch für sämtliche Generationen nach dir. Du kennst diese Menschen nicht mal. Aber du willst einfach nur das Beste für sie. Das ist auch eine Form von Liebe. 

Für Schreiber ist die Welt ein Abbild unserer Beziehungen. Deshalb glaubt er auch, „dass wir uns gesellschaftliche Räume bauen können, in denen wir Trost finden und eine Form des politischen Widerstandes entwickeln können“. Teilt ihr seinen Optimismus?

Dodo: Ich würde ihn gern teilen! Und dann schaue ich einmal auf Instagram und der ganze Optimismus ist wieder weg. Mit allem, was passiert.

Lars: SocialMedia ist auf jeden Fall ein krasser Treiber von extremen Meinungen und die Gefahr ist, dass wir uns da verlieren. Ich merk an mir selber, was das mit mir macht, ich spür die Polarisierung und wie ich anfange, Menschen für böse zu halten – obwohl ich eigentlich die Philosophie vertrete, dass niemand sich absichtlich entscheidet, böse zu sein.

„Erleuchtung und Rufo“ sind „fünf Weltgeschädigte der Generation Z“, heißt es in eurer Bandinfo. Was macht euch momentan am meisten Angst? Wofür seid ihr bereit, auf die Barrikaden zu gehen?

Dodo: Was mir im Augenblick am meisten Angst macht, ist dieser Rechtsruck – wie der Hass vieler junger Menschen sich plötzlich gegen Geflüchtete richtet, die nichts, aber auch gar nichts dafür können, was die Machthaber in ihren Ländern an Scheiße verbrochen haben. Wie da aus so einer Empathielosigkeit und Selbstbezogenheit dieser Hass entstehen kann, macht mir extrem Angst. Das dürfen wir nicht zulassen. Und da bin ich auch bereit, auf die Barrikaden zu gehen. Was mir auch Angst macht, ist, dass die queere Szene in Deutschland immer mehr unter Druck gerät. Und wenn man sich die USA anschaut: Ich weiß nicht, ob queer couples da überhaupt noch heiraten dürfen? Das macht mir so super Angst, dass ein Land, das sich als fortschrittlich brandet, auf einmal wieder so hinterwäldnerisch wird …

Lars: Ja, aber wir dürfen uns von solchen Entwicklungen nicht fertig machen lassen. Die Macht, die wir im Gegensatz zu anderen, weniger privilegierten Menschen immer noch haben, sollte uns motivieren. Es ist nach wie vor so, dass wir was bewegen können, auch wenn bei uns die Bemühungen der Politik immer nur auf Wachstum und Wohlstand gerichtet sind – und nicht auf Hilfe und Unterstützung für die, die sie brauchen und darauf angewiesen sind. Und wenn das politische Klima insgesamt nicht wirklich ermutigend ist. Oder vielleicht gerade deshalb.

Dodo, Lars: „Schön, unter Leuten zu sein, die auch was ändern wollen“

Gutes Stichwort: Samstag Abend spielt ihr auf dem Rescue & Shelter-Festival in Regensburg. Ihr seid da die Headliner. Was hat euch dazu bewogen, da mitzumachen?

Dodo: Uns ist klar, dass wir selber keine Bootsflüchtlinge aus dem Mittelmeer retten können – und das ist schon wieder so eine Erfahrung von Ohnmacht. Aber die von Sea Eye in Regensburg können das und machen es seit Jahren! Und deshalb spielen wir super gerne da, weil wir auf diese Weise mit unserer Kunst dazu beitragen können, dass es vielleicht mehr Geld für die gibt und auch für den Mitveranstalter Soli Asyl. Das ist das Mindeste, was wir tun können. 

Lars: Man freut sich als Band natürlich auf die großen Festivals wie das Oben Ohne in München. Aber man merkt sehr schnell, dass die schönen Auftritte meistens die sind, wo man spürt, die Menschen denken sich was aus und es geht dabei um mehr als nur um Geld. Es ist auch nicht unser erstes Mal bei Rescue & Shelter. Wir waren letztes Jahr schon mal da und fanden’s total besonders, bei so ner Community dabei zu sein. Die Menschen da sind super empathisch und freundlich. Und mein Eindruck damals war, dass man da mehr verstanden wird und sich hinterher besser fühlt als nach einem „normalen“ Konzert, ohne politischen Hintergrund. Es ist einfach schöner unter Leuten zu sein, die auch wollen, dass sich was ändert!

Danke fürs Gespräch!

Summersplash: Erleuchtung und Rufo haben was für dich
Ein sterbender Wal und die Deutschen drehen vor Mitgefühl fast durch. Dass auf den weltweiten Fluchtrouten jedes Jahr Tausende Bootsflüchtlinge ertrinken, nimmt man dagegen (bestenfalls) zur Kenntnis; dass Seenotrettungsschiffe wie zuletzt die Sea Watch-5 mittlerweile beschossen werden, läuft offiziell unter der Überschrift "Zusammenarbeit mit den Partnerländern, etwa an der nordafrikanischen Küste". Mehr darüber - und auch über die Möglichkeiten eines menschenwürdigen Umgangs mit Geflüchteten - unter www.rescueandshelter.de. Das zweitägige Festival auf dem Gelände der früheren Prinz Leopoldkaserne startet heute um 17 Uhr und endet am Sonntagmorgen. Erleuchtung und Rufo spielen am Samstag