Angesichts der tektonischen Verschiebung von demokratischen Werten und Grundüberzeugungen hin zum Autoritären positionieren sich Künstler:innen weltweit als Stimme für Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit, für Herzensbildung statt Hass. Wer uns hoffen lässt: Eine Hommage in 7 Songs
#1: Faravaz: „Mullah“
Wie oft sind die Menschen im Iran schon gegen ihren „Gottesstaat“ auf die Straße gegangen? Wie oft haben sie gegen Bevormundung, Unterdrückung, Zensur, für ihr Recht auf Selbstbestimmung demonstriert? Wieviele sind dafür niedergeknüppelt, verhaftet, eingesperrt, gefoltert, ermordet, hingerichtet worden? Seit fast einem halben Jahrhundert terrorisieren die Mullahs als geistliche Anführer der Islamischen Republik jetzt ihr Volk: Es gibt keine freien Wahlen. Die Opposition ist kaltgestellt. Statt Freiheits- und Menschenrechten gilt die Scharia – und jeder Verstoß zieht archaisch anmutende, barbarische Strafen nach sich. Opfer dieser theokratischen, patriarchalen Diktatur sind vor allem Frauen – und sie sind es auch, die zu Gesichtern und Identifikationsfiguren des Widerstands geworden sind: Die Menschenrechtsaktivistin und Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi, die mittlerweile über ein Dutzend Mal eingekerkert worden ist. Oder die Studentin Jina Mahsa Amini, die 2022 im Polizeigewahrsam starb, nachdem sie unter dem Vorhalt, ihr Kopftuch nicht richtig zu tragen, von der Sittenpolizei festgenommen worden war. Es mögen vordergründig wirtschaftliche Gründe sein wie die galoppierende Inflation, die nun erneut zu Massenprotesten geführt haben. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass das Regime den Zorn der Menschen seit der gewaltsamen Unterdrückung der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung nach dem Tod Aminis nie mehr richtig in den Griff bekommen hat. Was wir jetzt seit dem 28. Dezember sehen, sagt die deutsch-iranische Autorin und Journalistin Daniela Sepehri, ist deshalb „nicht noch einer dieser kurzzeitigen Wutausbrüche“ der Menschen im Iran. Sondern: „Eine Revolte gegen das gesamte System der Islamischen Republik, die Fortsetzung eines Widerstands, der nie aufgehört hat.“ Dafür spricht auch die Brutalität, mit der die Mullahs auf den Aufstand reagieren: Es verdichten sich die Hinweise, dass ihre vom Staat bezahlten Killertruppen auf den Straßen Teherans „das größte Massaker der jüngeren iranischen Geschichte“ angerichtet haben, so Sepehri. Ein Blutbad. Der blanke Horror. Und das heißt: Es ist nun wirklich allerhöchste Zeit „unsere eigene, deutsche, europäische, westliche Verzagtheit“ (Navid Kermani) im Umgang mit diesem mörderischen System zu überwinden. Anstatt immer nur auf die Handelsbilanz mit dem Iran zu gucken. Anstatt immer nur von Betroffenheitslyrik umrankte Appeasement-Politik zu betreiben, sollten wir die Stimmen aus der deutsch-iranischen Community und iranischen Diaspora in Deutschland endlich Ernst nehmen, die schon lange und mehr und mehr verzweifelt von den unhaltbaren Zuständen im Iran berichten und von eigenen Ängsten und Traumata. Stimmen wie die der Exil-Iraner:in und Sänger:in Faravaz Farvardin zum Beispiel. Die heute 37-Jährige war eine feste Größe in den Underground-Clubs von Teheran, bis die BBC einen Song von ihr spielte und die Religions- und Sittenwächter auf sie aufmerksam wurden. Faravaz wurde festgenommen und „wegen unerlaubten Singens in der Öffentlichkeit“ zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Einen Auftritt in Berlin während noch laufender Revision nutzte sie dann 2018 zur Flucht. „Mullah“, Song und Clip, sind ihre Abrechnung mit dem System: „Ich wollte die Mullahs auf eine BDSM-kinky Weise dominieren, weil sie viele Jahre lang Frauen im Iran dominiert haben. Und weil es Zeit ist, das Blatt zu wenden und zu versuchen, sie zu dominieren.“ Sagt Faravaz. Und: „Ich denke, wir Iraner müssen alle zusammen kämpfen und alle zusammen den Preis bezahlen, um sie loszuwerden.“ Wir dürfen sie damit nicht alleine lassen. – (Letztes Update: 15. Januar)
#2: LUCY DACUS: „BREAD AND ROSES“
Diese Party brauchte kein Feuerwerk. Es genügten ein paar mäßig wärmende Wintersonnenstrahlen und das Charisma des Hauptdarstellers und seiner special guests., um ein Lächeln in die Gesichter der Feiernden zu zaubern. Die Sängerin und Songschreiberin Lucy Dacus zum Beispiel, eine Ikone der frauenbewegten, queeren Indie-Szene in den USA, hatte mit dem designierten New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani schon ein paar Warming ups vor dessen offizieller Inauguration am Neujahrstag bestritten. Jetzt sang sie für ihn „Bread and Roses“, ein vor allem in der Version von Judy Collins bekannt gewordenes, von Mimi Fariña, der Schwester von Joan Baez geschriebenes Lied, das zum festen Kanon der amerikanischen Gewerkschafts- und Frauenbewegung gehört: „Our lives shall not be sweetened/ From birth until life closes/ Hearts starve as well as bodies/ Give us bread, but give us roses“. Mamdani zeigte sich berührt. Er sei als demokratischer Sozialist gewählt worden und als solcher werde er auch regieren, sagte er in seiner Rede. Forderungen wie Bread, also materielle Sicherheit, und Roses, ein Leben in Würde, Schönheit und kultureller Teilhabe für alle, sind zentrale Bausteine seiner Vision für New York. Er verstehe nicht, so Mamdani, wie man eine Agenda für bezahlbare Wohnungen, Gratis-Busverkehr oder kostenlose Kinderbetreuung für Eltern – und die Idee, solche Vorhaben durch höhere Steuern für Unternehmen und vermögende Bürger zu finanzieren – für radikal halten könne: „Wirklich radikal ist ein System, das so Wenigen so viel gibt und so Vielen das Grundlegendste vorenthält“. Ach ja: Donald Trump, der Mamdani schon vor dessen Inauguration zum „kommunistischen Irren“ erklärte, wurde bei der Party nicht gesehen. Dafür war Bernie Sanders da. Er sagte im Abschluss an Dacus‘ Performance auch noch ein paar Worte (unbedingt dran bleiben!). Und spätestens in diesem Moment wäre Trump eh gegangen.
#3 HAYLEY WILLIAMS: „TRUE BELIEVER“
Unter der Überschrift „Ich wurde von Gott gerettet“ hat die FAZ gerade eine Sammlung der „schrägsten, wirrsten und abenteuerlichsten“ Zitate von Donald Trump veröffentlicht. Alles drin. Also, fast. Denn natürlich ist es unmöglich, den Flood the Zone with Shit-Irrsinn dieses selbst erklärten Gesalbten komplett abzubilden – wer das braucht, sollte sich einen Truth Social-Account zulegen. Man kann aber auch den umgekehrten Weg gehen und schauen, wer versucht, die Welle zu brechen. Amerikas Alternative Rock-Superstar Hayley Williams zum Beispiel, die 2025 mit ihrer Band Paramore Taylor Swift auf deren „Eras“-Tour supporten durfte, lässt keine Gelegenheit aus. Eine Reihe von Promo-Interviews rund um die Veröffentlichung ihres Solo-Albums „Ego Death at a Bachelorette Party“ im Herbst 2025 geriet so zum Sperrfeuer gegen Trumps Plan, alle DEI-Initiativen (Diversity, Equity and Inclusion, für Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion) in den „Mülleimer der Geschichte“ zu befördern. „I’m never not ready to scream at the top of my lungs about racial issues – even because it’s so intersectional that it overlaps with everything from climate change to LGBTQIA plus issues“, giftete Williams. Ende des Jahres, im Vorfeld ihrer schon jetzt komplett ausverkauften Tour im März ’26, legte sie dann noch einmal nach. Sie werde sicherstellen, dass das eine inklusive Tour wird. Dass jede:r sich bei dieser Party willkommen fühlt. Oder im Klartext: „I don’t want racists around, and I don’t want sexist people around, and I don’t want people there who think that trans people are a burden.“ Ob sie sich damit einen Gefallen getan hat? Einerseits ist Williams natürlich nicht irgendwer und mit „Ego Death …“ für vier Grammys nominiert. Andererseits fällt schon auf, wie sehr sich etwa Taylor Swift nach ihrem Endorsement für Kamala Harris im letzten Präsidentschafts-Wahlkampf mit politischen Äußerungen zurückhält (um nur ein Beispiel zu nennen). Williams ging stattdessen zu Jimmy Fallon in dessen Tonight Show und sang dort „True Believer“: Einen Protestsong straight to the bone zum Thema Rassismus im Süden der USA:„They pose in Christmas cards with guns as big as all their children/ They say that Jesus is the way but then they gave him a white face/ So they don’t have to pray to someone they deem lesser than them“. Beim Auftritt saß die 37-Jährige, die selbst aus Meridian/ Mississippi stammt, an einem Klavier mit der Aufschrift „Mississippi G-d Damn“. Sie ließ sich von einem überwiegend mit schwarzen Musiker:innen besetzten Orchester begleiten. Und als die Melodie zum Ende hin in Richtung „Strange Fruit“ kippte, hielten im Publikum nicht Wenige den Atem an. Der Klassiker von Billie Holiday aus den 1930er-Jahren thematisiert die Lynchmorde an Schwarzen in den Südstaaten der USA nach dem Ende der Sklaverei. Lange her. Aber für Williams ist die Geschichte noch nicht auserzählt:„The South will not rise again/ Til it’s paid for every sin„, singt sie in „True Believer“. Und für alle, die sich davon provoziert fühlen könnten – wie Donald Trump, der Bewegungen wie Black Lives Matter für „woken Schwachsinn“ hält – hatte sie noch ein Bonmot: Sie sei, so Williams, „richtig stolz“ auf ihren Song. Ob Jimmy Fallon nach Stephen Colbert und Jimmy Kimmel jetzt auch um seinen Job fürchten muss?
#4 RUSHANA: „IN THE CORNERS“
Vier iPhones, eine Überwachungskamera, ein kahler, graugrüner Flur: Mehr low budget, mehr Frösteln wie in diesem Geisterhaus-Clip der Moskauer Band Rushana um die Gitarristin, Songschreiberin und Sängerin Rushana Valieva, 27, ist kaum vorstellbar – und ein bisschen wähnt man sich auch im falschen Film. Noch vor ein paar Jahren unterwarf sich Valieva mit jungmädchenhaftem Charme, nicht ohne Chuzpe, aber eben auch voller altersbedingter Naivität und Begeisterung den repressiven Regeln von „The Voice Russia“, einem Talentwettbewerb nach US-Vorbild – oder dem, was Putins Censorship davon übrig gelassen hat. Und jetzt? Das Mädchen-/Märchenhafte ihrer Lieder, mit Schleifchen dran, ist weg.„In the Corners“ klingt nach Indie, Post-Punk und Shoegaze, die Erzählstimme Valievas nach Lana del Rey – ein spannender Richtungswechsel. Doch der neue, unbedingte Stilwille, die düstere und auch ein bisschen ausweglose Anmutung des Clips samt defätistischem Text ist für Rushana nicht ohne Risiko. Denn wie so vieles ist auch die Kunst in Russland nicht frei. Wer aus der Reihe tanzt, muss mit Sanktionen rechnen wie zuletzt Diana „Naoko“ Loginowa: Die 18-jährige Petersburger Musikstudentin wurde während eines spontanen Live-Konzerts mit ihrer Gruppe Stoptime auf dem Newski-Prospekt von der Straße weg verhaftet – eine „Schwanensee“-Anspielung (die in Russland als Metapher für den Zusammenbruch der politischen Ordnung gilt) genügte, um sie 13 Tage lang einzusperren. Rushana Valieva und Band sind da vorsichtiger. Aber dass sie auf der Suche sind, entschlossen, auch in der Nische auszuharren und dafür Entbehrungen in Kauf zu nehmen, kommunizieren sie relativ offen. Ihre skizzenhaften Beobachtungen des Moskauer Alltags fallen deprimierend und alarmierend aus: „Die Stadt bringt mich an den Rand/ bin ich müde?/ bin ich nicht mehr ich selbst?/ fake people, Gewohnheiten und Frieden/ die Musik verstummt/ und alles fühlt sich falsch an.“ Songtitel wie К окраинам („On the Edge“) oder eben Углами („In the Corners“) lassen erkennen, wie sie sich fühlen und wie es ihnen geht: „Nimm dir den Schlaf/ Und meinen Verstand/ Um dieses Haus zu wärmen“, heißt es da: „Ich habe keine Kraft/ Ich verstecke mich in den Ecken darin/ Ich/ atme aus/ Ich/ Breite mich vor dir aus wie ein Teppich aus Tränen/ Mein Haus zerbricht/ Ich möchte mich darin verlieren/ Und vergessen und einschlafen/ Vergessen und einschlafen …“ Nein: Es ist nicht gut bestellt um dieses Haus Russland. Aber man muss es sich auch sagen trauen.
#5 YASMINE HAMDAN: „I REMEMBER I FORGET“
„Wie können wir angesichts der Geburt Jesu in einem Stall nicht an die Zelte in Gaza denken, die wochenlang Regen, Wind und Kälte ausgesetzt sind“, fragte der Papst in einer seiner Predigten zu Weihnachten. Eine grotesk verunglückte Formulierung – als wollte oder dürfte man nicht sagen, dass in den „Zelten“ Menschen hocken: Zwei Millionen (!) Palästinenser:innen, die, soweit sie nicht Zuflucht in ausgebombten Häusern gesucht haben, in Zeltlagern leben, die nun nach den ersten Stürmen dieses Winters auch noch unter Wasser stehen. „I Remember I Forget“, aus den Augen, aus dem Sinn: Diesen Track zu schreiben und die Produktion des Clips sei ihr Versuch gewesen, „das absurde Chaos zu beschreiben, in dem wir leben, und diesen Widerspruch zwischen dem, was wir sehen, und wie wir unser Leben weiter leben“, sagt Yasmine Hamdan. Die in Beirut geborene, in Paris lebende Exil-Libanesin ist selbst geschlagen von den scheinbar immer währenden, nicht enden wollenden Konflikten des Nahen und Mittleren Ostens. Ihre ersten Erfahrungen mit Krieg und Gewalt machte sie als Kind, als sie mit den Eltern vor den Wirren des libanesischen Bürgerkriegs fliehen musste. Es folgte ein Nomadenleben zwischen Abu Dhabi, Griechenland und Kuwait. Nach Beirut kehrte sie erst als Teenager zurück – und fand sich wieder in einer zerstörten Stadt, in einem verlorenen Land, an dem sie trotzdem immer noch hängt und mit dem sie auch leidet. Ohne diese Verbindung hätte sie ihr aktuelles, drittes Album gar nicht machen können, so Hamdan: „Doch nach und nach wurde dieser Ort im kreativen Prozess zu einem Symbol, einer Metapher, einer Katharsis für das, was global geschieht und universell erlebt wird.“ „I Remember I Forget“, der Titel, der dem Album seinen Namen gegeben hat, ruft auf, was unsere Gegenwart vielerorts wie eine Vorstufe zur Hölle erscheinen lässt: „Murder, is normal/ Distortion, is normal/ Fiascos, normal/ Looting, is normal/ Manipulation, is normal / Intimidation, is normal/ Normal/ Hysteria, is normal/ Despair, is normal/Normal/ I remember and forget/ I remember to forget“ . Im Clip versucht Hamdanis gehetztes (animiertes) Alter Ego diesem Alptraum zu entkommen. Es gelingt ihr nicht, aber sie ist auch nicht bereit zu kapitulieren: „Es gibt in unserer Region die Tradition der Klagenden Frau“, sagt Hamdan: „Das war meine Ursprungsidee. Aber dann habe ich mir eine Protagonistin ausgedacht, die zwar ab und zu gern klagt, aber auch witzig ist, manipulativ, verletzlich und nachdenklich – und vor allem standhaft, widerstandsfähig und empowernd. Diese besondere Haltung dem Leben gegenüber wollte ich auf dieser Platte zeigen.“
#6 KAZDOURA: „KHAYAL“
2025 war ein Jahr der Abschottung und Ausgrenzung. Deutschlands fremdenfeindliche Allianz von Mitte Rechts bis rechtsextrem hat es bar jeder Moral und jenseits aller ökonomischen Vernunft geschafft, das (längst widerlegte) Diktum von der „Migration als Mutter aller Probleme“ zur nationalen Überlebensfrage hoch zu jazzen. Zwar ist die Zahl der Asylanträge an deutschen Grenzen wie schon im Jahr davor erneut zurückgegangen. Trotzdem haben wir da – angeblich – „immer im Stadtbild noch dieses Problem“. Selten hat jemand mit wenigen Worten und aufblitzendem Schalk in den Augen ein derart zynisches Othering betrieben wie Friedrich Merz im vergangenen Jahr. Aber zum Glück gibt’s ja noch jene „Töchter“, die wir auf sein Anraten hin fragen sollten, was er mit dem Problem meint, von dem er spricht. Die „Töchter* gegen Merz“ zum Beispiel haben für den 9. März 2026 zum bundesweiten Frauenstreik aufgerufen. Sie wollen streiken „für eine Welt, in der Herkunft, Hautfarbe, Pass, Behinderung, Geschlecht oder Religion nicht darüber entscheiden, wer respektiert wird und wer sich rechtfertigen muss“ – und zwar „nicht, weil wir es können, sondern weil wir müssen“, wie sie auf Instagram schreiben. Das Fiese beim Othering ist ja, dass es innerhalb eines Machtgefälles passiert. Geflüchtete etwa sind der Willkür von Staatsapparaten ausgeliefert, wie der Umgang deutscher Behörden mit Afghanen und Syrern zeigt („Abschiebeoffensive“). Und selbst wenn sie es bis zur Duldung schaffen,„sehen sie sich mit psychischen Herausforderungen konfrontiert, während ihre Seele nach Antworten sucht und die Realität hinterfragt“, wie die aus Syrien stammende Sängerin Leen Hamo und der libanesische Multiinstrumentalist John Abou Chacra es beschreiben. Auch sie haben einen Migrationshintergrund: Sie haben sich 2020 in Beirut kennengelernt. leben mittlerweile in Kanada und wollen mit ihrem Projekt Kazdoura Brücken bauen. Musikalisch bewegen sie sich dabei zwischen Arabic Heritage und westlichen Einflüssen wie Jazz, Funk, Elektropop und Disco – was sehr entspannt klingt, wie eine Vorstellung von dem, was sein könnte. Die Realität aber sieht aus wie in„Khayal“: Der Migrant bleibt Schattenperson, „seine Suche nach Zugehörigkeit und die Sehnsucht nach innerem Frieden“ (Leen Hamo) unerfüllt. Wollen wir das? Wenn nicht, wird es Zeit, dass wir uns wehren.
#7: WASIA PROJECT: „A LITTLE LOVE“
Unsere Kleine Nachtmusik. Die hohe Schule der Herzensbildung. Neu entdeckt vom britisch-asiatischen Geschwisterpaar Will Gao, 22, und Olivia Hardy, 20. Und strictly private. Es gibt hier keine Salongesellschaft. Und es wurden ganz offensichtlich auch keine auf Bütten gedruckten Eintrittskarten an Verwandte und Freunde verschickt. Keine:r muss hier irgendjemandem was beweisen. Es ist wie immer, wenn Will und Olivia aus Croydon bei London sich zusammentun, um gemeinsam Musik zu machen: Alles fließt, die Dinge ergeben sich scheinbar von selbst. Wasia Project, wie sich die beiden als Duo nennen, machen „Popmusik, die von einem wechselseitigen Gefühl des Staunens durchdrungen ist“, hat der New Musical Express einmal geschrieben. Und das ist über die Jahre so geblieben. Die Magie der Band entfaltet sich wo auch immer, mit oder ohne Publikum, sogar unter nicht wirklich komfortablen und wenig professionellen Bedingungen wie hier bei der Darbietung von „A Little Love“, eines ursprünglich von der britischen Sängerin Celeste stammenden Titels, auf engstem Raum in einer Art Handtuch-Zimmer. Näher wird man den beiden kaum je kommen. Und tatsächlich ist es ein erhebendes Gefühl, zuzuhören und und zuzusehen, wie sie beim Musizieren interagieren, wie sie einander loslassen und wiederfinden und manchmal, ja, auch selber staunen. Das könnte es gewesen sein. Es wäre schön genug. Aber da ist ja noch dieser Text, den man auch als versteckte Botschaft lesen kann: „Put it in your pocket/ Watch it move a mountain/ Of all the things to be/ I choose the kindness …“ Und etwas später: „Happiness/ Nothing better in this world to get than happiness/ If I give this gift to you/ Wouldn’t everybody get a little love?“ Es ist, wahrscheinlich, nur ein Zufall, dass der Clip ausgerechnet im Januar 2022 online ging. Vier Wochen später überfielen Putins Armeen die Ukraine – und kurz ploppt beim Anhören von „A Little Love“ das Bild von den Rosen in den Gewehrläufen in uns auf und wie Will und Olivia die Soldateska dahin zurück schicken, wo sie hergekommen ist. Free Ukraine! Wenn es nur so einfach wäre.




