Das Büro der Grünen Jugend in der Regensburger Altstadt sieht ein bisschen aus wie die Buchhandlungen, die Wolfram Weimer so gern mag. „Links“ zu sein, gilt hier nicht als parteischädigendes Verhalten. Und auch wenn die grüne OB-Kandidatin Helene Sigloch es bei der Kommunalwahl knapp nicht in die Stichwahl geschafft hat, ist der Glaube an die Möglichkeit und Strahlkraft progressiver Bündnisse hier ungebrochen. Yassin Domke und Leonhard Stein über grüne Perspektiven in der Stadtpolitik, den Ruf der Grünen Jugend als Systemsprenger der Partei – und warum eine Koalition mit der CSU unter Astrid Freudenstein für sie kein Thema ist
Schön habt ihr’s hier! Aber: Kein Jette Nietzard-Fanposter an der Wand?
Leonhard: Wir haben ein Yassin-Poster (lacht)!
Yassin: Jette, ja, da hast du mit uns jetzt vielleicht die zwei Falschen erwischt. Ich fand den Hass, den sie abgekriegt hat, unangemessen. Und auch von den Grünen hätte ich mir in ihrem Fall mehr Rückendeckung gewünscht. Auf der anderen Seite hat sie einfach Sachen gesagt, die wirklich schwierig waren. Und politisch lagen wir auch nicht unbedingt auf einer Wellenlänge. Der Klimaschutz zum Beispiel, der uns sehr wichtig ist, hat bei ihr nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Deshalb sind wir jetzt auch nicht die Fanboys Nr.1.
Leonhard: Stimmt. Aber man hat schon gemerkt, dass da diese junge Frau sehr hart gemaßregelt wurde. Und wenn man sich anschaut, wie einzelne Statements von anderen Politikern, die männlich und 60 sind, auseinander genommen werden, dann werden die nicht zwei Wochen lang in der BILD drangsaliert dafür!
Ich seh auch keinen Warnhinweis: „Stoppt Cem“?
Leonhard: Jaaa …
Yassin: Gut, wir waren jetzt mit dem Kommunalwahlkampf in Regensburg beschäftigt, haben nur ab und zu nach Baden-Württemberg geschaut. Ist natürlich auch kein Grüne Jugend-Kandidat, der Cem …
Leonhard: Auf keinen Fall!
Cem Özdemir hat den Grünen vor zwei Wochen mit seinem Wahlsieg in Baden-Württemberg endlich mal wieder ein Erfolgserlebnis beschert. Und quer durch die Partei wird nun darüber diskutiert, was man von ihm lernen könnte. Habt ihr ne Idee?
Yassin: Das ist für mich der falsche Ansatz! Baden-Württemberg ist einfach ein sehr konservatives Bundesland, auch wenn es zuletzt mit Winfried Kretschmann grün regiert worden ist. Mag sein, dass Özdemir für Baden-Württemberg der Richtige ist. Aber das learning für uns kann nicht sein, dass wir jetzt „mehr Cem wagen“ sollten. Der Versuch, mit radikaler Realo-Politik zum Erfolg zu kommen, ist mit Habeck schon gescheitert. Und bestimmte Dinge wie das Verbrenner-Aus, das Özdemir offen in Frage stellt, wären für mich persönlich und für die Grüne Jugend auch nicht verhandelbar. So etwas bundesweit zur Disposition zu stellen, wäre fatal. Dafür bin ich nicht bei den Grünen!
Ich finde Özdemirs Kungeln mit der Verbrenner-Lobby, den Glyphosat-Landwirten und dem Populisten und Ex-Grünen Boris Palmer, ehrlich gesagt, abstoßend. Aber Grünen-Chef Felix Banaszak ist der Meinung, die Partei müsse sich irgendwann entscheiden, ob sie „Recht haben oder gewinnen will“. Was soll das heißen?
Leonhard: Das ist ein klares Statement zur Machtpolitik! Für eine machtpolitische Ausrichtung der Partei, wie sie die Grünen die letzten Jahre schon probiert haben. Da geht’s um die Frage, ob man sich zur Mitte hin öffnet oder eine klar linke und progressive Politik fortführen möchte. Aus meiner Sicht ist dieses Experiment, so eine Merkelsche Politik zu machen, nur weil die Union immer mehr nach rechts zieht, gescheitert. Es ist bundespolitisch nicht mehrheitsfähig und innerparteilich schon gar nicht.
Yassin: Wir haben da als grüne Partei auch einen anderen Anspruch als andere Parteien. Wir wollen einen lebenswerten Planeten erhalten. Wir wollen Nachhaltigkeit im eigentlichen Sinn, dass wir die Biodiversitätskrise in den Griff bekommen, die Klimakrise, soweit das noch geht. Das ist unser Anspruch als Grüne – und wenn ich dahinter zurückbleibe, frage ich mich, was es überhaupt noch für einen Sinn hat, Macht zu erlangen. Ich meine: Es geht ums Überleben der Menschheit! Die Untergrenze menschlicher Existenz! Dahinter kann man nicht zurückgehen. Da geht es um Naturgesetze. Und da bringt’s mir nix, wenn ich einen grünen Bundeskanzler hab, der CDU-Politik macht …
Leonhard: Was auch wichtig ist – und da haben wir jetzt wirklich zig Mal geredet, auch während des Kommunalwahlkampfs – was für einen Demokratieanspruch man hat! Ob man als Politiker versucht, Mehrheiten zu bekommen, indem man sich der Mehrheitsmeinung beugt und seine Meinung anpasst. Oder indem man aktiv für die eigene Meinung und die eigenen Lösungsvorschläge wirbt: Wie ein Wandel der Industrie funktionieren kann zum Beispiel oder wie in Regensburg ein Wandel der Mobilität funktionieren kann. Da kann ich mich hinstellen und sagen: „Okay, wenn alle das Auto wollen, dann bleiben wir halt beim Auto“. Aber das ist nicht meine Überzeugung. Und insofern ist für mich, was Banaszak sagt, das Gegenteil von Prinzipientreue. Oder schlicht: Bullshit.

Es hat zuletzt immer wieder Knatsch zwischen Partei und Jugendverband gegeben. Unter anderem bekam im Februar 2025 der damalige Vizekanzler Robert Habeck den Unmut der Grünen Jugend zu spüren, die auf seinen 10 Punkte-Plan für mehr Sicherheit und Abschiebungen mit einem eigenen 10 Punkte-Plan („Humanität durch Sozialstaat“) reagierte. Kann man sagen, dass die Grünen ein Problem mit ihrem Nachwuchs haben?
Yassin: Ich denk, es ist auch ein Stück weit die Rolle der Jugendorganisation, das grüne Gewissen zu sein, an die Grundwerte der Partei zu erinnern. Wahrscheinlich liegt’s auch einfach in der Natur der Sache, dass man als Jugendverband radikaler ist und resoluter zu seinen Idealen steht als jemand, der 30 Jahre in der Politik ist.
Du meinst, der Knatsch bei den Grünen ist auch nichts Anderes als der Gegenwind, den die SPD von den Jusos bekommt?
Yassin: Ja, aber das ist nicht zwangsläufig ein Problem. Es gibt ja Druck von allen Seiten auf die Grünen: Von der BILD, von der Industrie, von Lobbyverbänden – da ist es nicht schlecht, wenn auch mal Druck von der Basis kommt. Manchen Politikern schadet es auch nicht. wenn sie zwischendurch mal wieder an ihre Anfänge erinnert werden. Wenn wir intervenieren, ist das kein sinnfreies Ritual. Es kann auch zu Kompromissen führen.
Der Zauberer von Öz hat sein Urteil schon gesprochen. Die Grüne Jugend, sagt er, schadet der Partei: Viele junge Wähler:innen fänden die Grünen zwar gut, träten aber nicht ein, weil sie den linken Kurs der Grünen Jugend ablehnen …
Leonhard: Das kann ich mir nicht vorstellen! Aktuell ist es ja so, dass junge Erstwähler:innen in der Tendenz eher noch weiter an die Ränder gehen, zu den Linken oder zur AfD, je nachdem, ob es sich um weibliche oder männliche Wähler:innen handelt. Insofern glaube ich nicht, dass wir da als Grüne durch eine zu linke Haltung abschreckend wirken. Die Meinung hat Özdemir, wenn du mich fragst, exklusiv für sich.
Was genau ist denn so links an der Grünen Jugend?
Leonhard: Naja, wir fordern auf jeden Fall eine prinzipientreue Politik, die zu Ende gedacht ist, gerade was eben die planetaren Grenzen angeht. Ich persönlich bin eigentlich immer dabei, dass man das nicht unbedingt „links“ oder „rechts“ nennen sollte, sondern einfach based. Das muss halt sein. Auch ne Autokratie will in 100 Jahren noch eine Autokratie sein – und dafür braucht’s Menschen, die dann noch leben. Ich würde sagen: Wir sind auf jeden Fall überall da konsequenter, wo’s um das Zu-Ende-Denken unserer Situation geht …
Yassin: … und das betrifft dann natürlich auch unsere Art zu wirtschaften! Wenn wir da so weiter machen wie bisher, dann führt uns das in eine Welt, die nicht mehr in der Lage ist, unsere Zivilisation, wie wir sie kennen, zu erhalten. Und da sagen wir: Es gibt ganz klar eine wissenschaftliche Evidenz, die uns sagt, was zu tun ist, wann’s zu tun, wenn wir als Menschen eine Zukunft haben wollen. Daran halten wir uns. Und das heißt dann eben auch, dass wir Turbokapitalismus und Wachstum um jeden Preis nicht ewig machen können. Wir müssen wirtschaftlich umdenken – da sind wir, glaube ich, links. Und natürlich, weil wir auf der Seite der Schwachen stehen, der Armen, ob in Deutschland oder im Globalen Süden. Und weil wir darauf hin wirken, Ungleichheit zwischen Geschlechtern, zwischen Armen und weniger Armen, zwischen Religionen und ethnischer Zugehörigkeit zu überwinden.
Und was ist links an der Grünen Jugend Regensburg? Das Bekenntnis von Sprecherin Mirjam Enser zum Antifaschismus?
Leonhard: Würde ich auf jeden Fall so sehen. Wobei natürlich jede:r, der gegen Faschismus ist, auch antifaschistisch ist. Antifaschismus ist auch wieder so das bare minimum, was man von Demokrat:innen fordern sollte.
Deine Überzeugung, dass Klimaschutz, Feminismus, Demokratie und soziale Gerechtigkeit untrennbar miteinander verbunden sind, Yassin?
Yassin: Das finde ich eigentlich selbstverständlich! Aber ja, klar: Wenn ich zum Beispiel darüber rede, wer denn an den viel befahrenen Straßen wohnt, dann sind das natürlich nicht die Reichen. Wer leidet als erstes unter den Folgen des Klimawandels? Sicher nicht die Reichen! Wer fährt die größten SUVs? In der Regel Männer mit verletzter Persönlichkeit! Das hängt schon alles miteinander zusammen. Und auch beim Klimaschutz muss man die Menschen mitnehmen! Ich kann nicht einfach das Heizen verteuern ohne sozialen Ausgleich. Deshalb wäre uns auch ein Klimageld so wichtig. Das ist jetzt kein Regensburger Thema, sondern eins für den Bund und auf europäischer Ebene. Dass man sagt: Wir machen einen hohen Preis für CO2. Das kommt alles in einen Topf und dann wird es wieder ausgezahlt: An jeden gleich. Und wer viel CO2 ausstößt, weil er eine große Wohnung hat oder viele Autos fährt oder mit dem Privatjet fliegt, zahlt drauf. Und der mit der kleinen Wohnung, der es sich vielleicht nicht leisten kann, ein paar Mal im Jahr in Urlaub zu fahren, kriegt was raus.
Deine Vision von der Stadt für alle, Leonhard: Auch links?
Leonhard: Das wäre sogar einer meiner ersten Punkte gewesen, ja. Was uns als Grüne Jugend in Regensburg explizit links macht, ist diese menschenfreundliche Grundhaltung: Dass wir zum Beispiel nicht auf die Verdrängung von Obdachlosen gehen, nur weil sie irgendwo, aus der Sicht Weniger, ein Problem darstellen. Wir sind dafür, die Ursachen anzugehen! Man hat’s ja die letzten Jahre gesehen: Die CSU fühlte sich durch die obdachlosen Menschen am Hauptbahnhof gestört. Also hat sie mehr Polizeipräsenz gefordert und bekommen. Jetzt stört sie die Sichtbarkeit Obdachloser in der Maximilianstraße! Das Geld für die Polizist:innen, die da Vollzeit sein müssen, ließe sich unserer Meinung nach sparen, indem man mehr Obdachlosenunterkünfte errichtet. Indem man Frauenhäuser anbietet – davon haben wir auch zu wenige, speziell für obdachlose Frauen, die sichere Rückzugsräume brauchen. Mit diesem präventiven Ansatz könnte man den Leuten helfen, von der Straße zu kommen und sie nicht einfach nur aus dem Sichtfeld der Reichen, die’s nicht sehen wollen, verdrängen. Dasselbe gilt auch für sichere Konsumräume: Will man, dass die Drogenabhängigen irgendwo im Schmutz und Schatten liegen, wo sie nicht gesehen werden? Oder will man, dass sie von der Straße kommen, vielleicht ihre Sucht unter Kontrolle bekommen und irgendwann auch wieder ein aktiver Teil der Gesellschaft werden …
Yassin: … und zwar genau in der Reihenfolge! Das ist auch was, was uns wichtig ist – dieses housing first, dass man sagt: Okay, erst muss jemand von der Straße in ein sicheres Zuhause, dass er überhaupt die mentale Kraft hat, um aus den Drogen auszusteigen. Anders als so die konservative Denke: „Der ist drogensüchtig? Selber schuld! Soll er schauen, wie er da wieder raus kommt!“
Das Verhältnis der Grünen Jugend zur Partei und umgekehrt wirkt in Regensburg entspannter als im Bund. Ist es das?
Yassin: Wir haben ein sehr gutes Verhältnis sowohl zu unserer Spitzenkandidatin bei der OB-Wahl, Helene Sigloch, als auch zum Kreisverband. Der ganze Kreisverband ist – im Grünen-Spektrum – eher links. Das ist nicht selbstverständlich. Es gibt da in Bayern auch andere Konstellationen, mit schwierigen Konfliktlagen! Wir dagegen werden von den Grünen hier sehr wertschätzend behandelt. Dass ich jetzt zum Beispiel einen sehr aussichtsreichen Platz auf der Stadtratsliste bekommen hab, war selbstverständlich für den Kreisverband. Jürgen Mistol zahlt dieses Büro mit. Stephan Schmidt ist immer für ein Gespräch offen. Und in jedem Gremium, das es bei den Grünen gibt, gibt’s auch eine Jugendvertretung.
Leonhard: Das ist schon sehr besonders, ja. Ich hab selber auf Listenplatz16 kandidiert, ein bisschen weiter hinten. Aber wir haben als Grüne Jugend ein Viertel von den 20 ersten Plätzen ausgemacht! Das ist im bayernweiten Vergleich eine wirklich gute Quote. Mirjam Enser auf 11 hat den Sprung in den Stadtrat knapp nicht geschafft. Yassin ist drin. Wie vor sechs Jahren Daniel Gaittet und Anna Hopfe …
Yassin: Daniel kommt quasi aus der Grünen Jugend, war auch schon im Landesvorstand, und hat uns immer so ein bisschen die Tür aufgehalten. Ich glaub, ohne diese beiden – Anna ist dann ja nach Berlin gegangen – hätten wir das Kommunale gar nicht so sehr auf dem Schirm gehabt. Manche Grüne Jugenden fokussieren sich ja auch mehr auf Landes- oder Bundesthemen und auf Europa. Wir dagegen hatten immer schon einen starken, kommunalen Schwerpunkt. Und daraus hat sich dann auch dieses große Interesse am Stadtratsmandat ergeben.
Die Stichworte Demokratie und Antifaschismus sind schon gefallen – nicht zu Unrecht, wie ein Blick auf das Ergebnis der Kommunalwahl zeigt: Die Wahlbeteiligung etwa war mit 57,7 Prozent erschreckend niedrig. Und die AfD hat ihr Ergebnis von 2020 um 4,9 Prozentpunkte auf 9,3 Prozent mehr als verdoppelt. Warum redet da keiner drüber?
Leonhard: Ich glaube, dass sich fast alle grad noch im Wahlkampfmodus befinden. Man hat’s bei den anderen Parteien gemerkt, die haben jetzt die letzte Woche vor allem damit verbracht, zu gucken, wen sie unterstützen. Und die Wahlnachlese beginnt wahrscheinlich bei vielen erst am Sonntag – was wir da falsch gemacht haben und was wir daraus lernen können. Ich glaub auch, man hat sich dran gewöhnt: Eine AfD, einstellig, unter zehn Prozent, sehen viele Leute sogar noch als positives Ergebnis, auch wenn das in ner Großstadt absolut nicht das ist, womit man rechnet. Oder rechnen sollte. Vielleicht ist es in der Diskussion auch deshalb nicht angekommen, weil man am gleichen Tag die 19 Prozent der AfD in Baden-Württemberg gesehen hat. Oder die teilweise doppelt so hohen oder noch höheren Ergebnisse in den Landkreisen und um uns herum.
Yassin: In Regensburg ist es zwar schlimm. Aber die AfD hat hier wenigstens keine Machtperspektive wie in anderen bayerischen Städten. Anders als die CSU in Ingolstadt zum Beispiel hat die Regensburger CSU eine Zusammenarbeit mit der AfD klar ausgeschlossen – und ich hoffe, dass das auch so bleibt. Insofern und im Vergleich mit dem ländlichen Raum wär’s aus unserer Sicht vermessen zu jammern. Weil, was sagt dann der Landkreis? Was sagen sie im Bayerischen Wald?
Leonhard: Gleichzeitig hat man’s während der Wahl schon stark gemerkt. Es gab ja wirklich Wahlbezirke mit jetzt wieder 46 Prozent AfD in der Konradsiedlung zum Beispiel. Und wie die Leute dort beim Haustür-Wahlkampf oder an den Info-Ständen auf uns als Grüne oder Grüne Jugend reagiert haben, war schon krass: Also von netten, entgegenkommenden Gesprächen, wo Menschen sich gefreut haben, dass die Politik mal zu ihnen nach Hause kommt, bis hin dazu, dass man angeschrien und angespuckt wurde, einfach nur, weil man ne andere Partei ist. Das ist schon ein Umgang, wie wir ihn vor sechs Jahren noch nicht erlebt haben.
Wenn nur 57,7 Prozent aller Wahlberechtigten ihre Stimme abgeben, ist es den restlichen gut 40 Prozent entweder egal, wer was mit dieser Stadt macht. Oder sie glauben nicht (mehr) dran, dass hier, von wem auch immer, in absehbarer Zeit Politik für die Bürger gemacht wird. Wieviel Frust und Enttäuschung ist da eurer Meinung im Spiel? Und woran macht sich das fest?
Leonhard: Am Stillstand zum Beispiel. Wir sind jetzt mit der Stichwahl in Regensburg genau wieder da, wo wir vor sechs Jahren waren. Die Konstellation mit einer nach dem ersten Wahlgang in Führung liegenden OB-Kandidatin der CSU und einem SPD-Kandidaten, der durch die Wahlempfehlung einer gebündelten, progressiven, stärkeren Hälfte doch wieder realistische Chancen hat, ist genau die von 2020. Und auch im Wahlkampf haben es viele Parteien wieder geschafft, das, was nicht gut gelaufen ist, in den Vordergrund zu rücken – und nicht zu schauen, was man auch erreicht hat in dieser Zeit. Das sorgt dann auch bei Menschen, die tendenziell zur Wahl gehen, zu einer eher egalen Haltung und verstärkt das Gefühl, dass so eine Kommunalwahl nicht wirklich ein Hebel ist, um etwas am eigenen Leben zu verändern. Obwohl es eigentlich die erfahrbarste Form der Demokratie ist.
Yassin: Es gibt auch keine große Medienöffentlichkeit in Regensburg. Die Mittelbayerische Zeitung hat gerade mal 21.000 Abonnent:innen und da ist der Landkreis schon dabei. Lokalfernsehen, also TVA, schauen noch weniger Leute. Das heißt, dass die meisten Menschen sich kaum oder gar nicht mit Kommunalpolitik beschäftigen – ein mögliches Interesse wird erst gar nicht geweckt.
Leonhard: Ein Problem, das wir Grüne haben, ist auch, dass viele, die uns wählen würden, gar nicht in Regensburg gemeldet sind. Viele Studierende haben hier bestenfalls einen Zweitwohnsitz. Dazu kommen viele Menschen aus anderen Ländern, die hier zwar leben, hier arbeiten und Steuern zahlen, aber nicht wählen dürfen. EU-Bürger, die in Regensburg leben, dürften bei Kommunalwahlen wählen, tun das aber nicht, weil sie es nicht wissen. Das ist uns bei unserem Haustür-Wahlkampf des öfteren aufgefallen. Daraufhin haben wir unser Wahlprogramm in verschiedenen Sprachen auf der Grünen-Homepage online gestellt. Das habe ich bei anderen Parteien nicht gesehen. Aber 80 Klicks über den gesamten Wahlkampf hinweg ist natürlich nicht die Menge an Leuten, die man erreichen will.
Was bei mir von dieser letzten Legislatur hängen geblieben ist, ist der Eindruck, dass es der CSU nur darum ging, den politischen Gegner – allen voran die SPD-Oberbürgermeisterin – als lame duck vorzuführen. Da kann man als Bürger:in schon das Interesse an der Politik verlieren, oder?
Yassin: Ja, das ist halt einfach so das Muster, die Strategie der CSU. Wenn sie an der Macht sind, liegt die Priorität darauf, diese Macht zu behalten. Und wenn sie nicht an der Macht sind, tun sie alles, um an die Macht zu kommen. Und dem wird alles untergeordnet.
Leonhard: Das kann man auf Bundes- und Landesebene und auf kommunaler Ebene sehen: Die destruktivste Oppositionspartei ist die Union! Das war so zu Zeiten der Ampel-Regierung, wo sie alles blockiert haben, was sie dann in der ersten Woche mit Schwarz-Rot beschlossen haben. Zum Beispiel das Investitionsprogramm. Wörtlich haben sie versprochen, sie machen es nicht und das sei das Schlimmste, was die Ampel je gefordert hätte. Und noch bevor Merz zum Bundeskanzler gewählt war, hatten sie’s schon eingetütet. So ist es auch auf der kommunalen Ebene. Die CSU in Regensburg ist ein unzuverlässiger Vertragspartner, wie das Beispiel Stadtbahn zeigt.
Yassin: Die Häuser stürzen ein! Die Stadtbahn ist so laut wie’n Düsenjet! Ich bleib mit meinem Fahrrad in den Gleisen hängen! Der Pellet-Laster kommt nicht durch: Absurdes Zeug wurde da aufgefahren, nur um das Projekt zu stoppen, nachdem alle Studien und Experten zu dem Schluss gekommen waren, dass sich das Mobilitätsproblem in Regensburg am nachhaltigsten und effektivsten mit einer Stadtbahn lösen lässt. Die Stadt hat das auch nicht eingefangen bekommen. Sie hätte das Ganze marketingtechnisch anders angehen müssen, was auch ein Führungsversagen von Oberbürgermeisterin und Verwaltung gewesen ist. Aber die CSU hat bei alledem eine besonders unrühmliche Rolle gespielt. Denn man hat als Stadtrat oder Bürgermeisterin schon auch die Verpflichtung, mindestens die Grundlagen der Infrastruktur der eigenen Stadt so zu entwickeln, dass sie angemessen funktioniert.
Okay, die Grünen hätten’s anders gemacht. Besser. Eine grüne Oberbürgermeisterin jetzt hätte für frischen Wind in Regensburg gesorgt. Aber Helene Sigloch hat die Stichwahl gegen Astrid Freudenstein (CSU) haarscharf verpasst. Wie tief sitzt die Enttäuschung?
Leonhard: Es war schon sehr enttäuschend! Wenn nach einem langen Wahlkampf am Wahlabend von 117.000 Wahlberechtigten am Ende 137 Stimmen fehlen, denkt jede:r wahrscheinlich: Die hätte ich doch gestern in drei Stunden noch an irgendwelchen Haustüren regeln können! Aber es sind offenbar viele Regensburger:innen der Meinung, dass man die CSU nur mit der SPD verhindern kann.
Yassin: Es ist auch ärgerlich, weil zum Beispiel Jakob Friedl (Ribisl-Partei) und Benedikt Suttner (ÖDP) sich im Vorfeld für Helene ausgesprochen haben. Beiden war klar, dass es für sie nicht zum OB reichen würde. Trotzdem haben 900 Leute für Friedl gestimmt. Wenn die nur den Empfehlungen ihres OB-Kandidaten gefolgt wären, hätte das Ergebnis schon anders ausgesehen.
Immerhin: Lang kann die Schockstarre nicht angehalten haben. Denn die Wahlempfehlung der Grünen für Thomas Burger (SPD) kam so schnell, dass sie eigentlich nur fix und fertig und abgestimmt mit allen Gremien in der Schublade gelegen haben kann, für den Fall der Fälle. Richtig?
Leonhard: Wir haben uns am Montagabend nach der Wahl getroffen und das formuliert. Und es gab auch nicht viele Diskussionen. Es ist schon ne sehr einhellige Meinung unter den Grünen, dass wir den progressiven Konkurrenten unterstützen und damit dazu beitragen, dass es in Regensburg in den kommenden sechs Jahren zumindest keine Rückschritte geben wird – wie das zu erwarten ist, wenn Freudenstein gewinnt.
Yassin: Da gibt’s ja wirklich ein richtiges Rollback, das da geplant ist! Dass man zum Beispiel einen Teil der Verkehrsberuhigung Altstadt, die ja schon beschlossen ist, wieder zurückdreht und am Hauptbahnhof wieder öffnet für Autos. Ne Stadtbahn ist, glaube ich, mit Freudenstein und der CSU auch schwer zu machen. So gesehen ist uns die Entscheidung da jetzt nicht schwer gefallen, obwohl wir natürlich auch mit Thomas Burger Differenzen haben wie etwa im Fall der Sallerner Regenbrücke. Unsere Unterstützung ist auch kein Automatismus. Wir möchten, dass Thomas Burger im Fall der Fälle eine möglichst progressive Koalition anführt. Wenn er stattdessen mit CSU, Freien Wählern und der Brücke zusammengehen würde, wär das für uns schon auch ein Vertrauensbruch.
Rot-Grün plus oder Grün-Rot plus, wie ich’s jetzt mal nenne, wäre auf jeden Fall eine Lösung, wie sie Luis Bobga, dem Bundessprecher der Grünen Jugend, gefallen könnte. Bobga sagt: „Es reicht nicht, dass sich das progressive Lager hinter den Grünen versammelt. Ziel muss sein, dass sie das progressive Lager vergrößern.“ Da wärt ihr mit einer starken Linken, der ÖDP und Volt, die beide auch eine Wahlempfehlung für Burger abgegeben haben, ja ganz weit vorn!
Yassin: Im Prinzip ja. Aber das mit der Linken ist natürlich leider nur hypothetisch. Es gibt bei der Linken einen Beschluss, dass sie in keine Koalition eintreten. Und wir gehen davon aus, dass dieser Beschluss auch steht und dass sie sich daran halten. Also, die sehen sich in der Opposition.
Leonhard: Der Beschluss ist von Januar, also relativ aktuell. Und deshalb würde diese progressive Koalition, auf die du anspielst, wahrscheinlich nicht ohne die Brücke gehen.
Yassin: Man könnte sich eine Duldung oder sowas durch Die Linke vorstellen. Aber eine direkte Beteiligung wird’s aller Voraussicht nach nicht geben.
Danke fürs Gespräch!

Yassin Domke, Jahrgang 1998, ist gebürtiger Regensburger, studiert Lehramt Biologie/Englisch an der Uni Regensburg und arbeitet daneben als Betreuer im Ganztag an einer Realschule. Er ist Mitglied der Grünen und der Grünen Jugend und war drei Jahre lang Vorstand der GJ-Regensburg. Bei der Kommunalwahl am 8. März wurde er in den Stadtrat gewählt und wird für die nächsten sechs Jahre der Grünen-Fraktion angehören. Leonhard Stein, Jahrgang 1999, ist Medizintechnik-Ingenieur & Doktorand an der OTH Regensburg und Sprecher der Grünen Jugend Regensburg. Beide stehen für urgrüne Überzeugungen. Domke "hätte gerne eine Stadt mit der Begrünung von Paris, den Radwegen von Amsterdam und den Mieten von Wien. Eine Stadt, die Verantwortung übernimmt – für ihre Bürger:innen und als sicherer Hafen für Menschen in Not." Steins Vorstellung ist, "dass unsere Stadt durch Begrünung und Entsiegelung von Platz 3 unter Deutschlands versiegeltsten Städten zur Schwammstadt wird".




