Dem zivilgesellschaftlichen Engagement einer Gruppe junger Regensburger:innen um den Architekten und Mentor Kersten Osterhaus ist es zu verdanken, dass aus dem einstigen KZ-Außenlager im Stadtamhofer Colosseum doch noch ein Gedenkort geworden ist. Und warum erst jetzt? Carla Rösch, 26, und Kai Zimmermann, 33, vom neu gegründeten Colosseum e.V. über Mechanismen von Verdrängung, was Erinnerungskultur mit Absolution zu tun – Spoiler: rein gar nichts! – und wie sie mit ihrem „Raum für Demokratie, Toleranz, Solidarität und Lebensfreude“ Brücken bauen wollen

Mögt ihr euch kurz vorstellen: Wer seid ihr? Was macht ihr so? Wie seid ihr zum Colosseum gekommen?

Carla: Ich bin Carla Rösch, Kunsthistorikerin mit Master in Kunstgeschichte und einem Bachelor in Kulturwissenschaft. Ich hab die letzten Jahre als wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Uni gearbeitet und interessiere mich speziell für Räume und wie man die mit Inhalten füllt. Da geht’s in der Kunstgeschichte zum Beispiel darum, wie Werke miteinander kommunizieren. Spannend finde ich auch, wie Menschen und Inhalte in Räumen kommunizieren können – eine der Fragen, um die es jetzt im Colosseum geht. Zum Projekt bin ich über Elias Nunner gekommen, der auch Mitglied im Verein ist und im Vorstand. Er meinte: Da gibt’s einen Raum, ein Haus in Stadtamhof, das hat eine besondere Geschichte als ehemaliges KZ-Außenlager, und es gäbe jetzt die Möglichkeit, was draus zu machen. Bist du an Bord? Wir haben dann zu fünft angefangen, ein Konzept für einen Kulturraum für aktive und kreative Erinnerungsarbeit zu entwickeln.

Kai: Ich bin Kai Zimmermann, 33. Ich hab ganz lange in der „Klappe“ in Stadtamhof als Kellner gearbeitet und irgendwann mitbekommen, was das Colosseum für eine Geschichte hat. Das war mir neu. Ich dachte: Warum ist da nur so eine belanglose Gastronomie drin? Warum findet da keine Erinnerungsarbeit statt? Über die „Klappe“ hab ich dann den Kersten Osterhaus kennengelernt und wir haben immer wieder mal übers Colosseum geredet. Eines Tages kam er und meinte: Du, das wird jetzt frei! Und dass er plant, dort mit ein paar Leuten was zu machen. Ob ich nicht Lust hätte, mich zu beteiligen? Da habe ich sofort zugesagt. Ich hab ja auch einen Master in Kulturwissenschaft. Erinnerungskultur fand ich immer schon wichtig. Also bin ich da mit reingegangen, hab begonnen, die Geschichte des Hauses mit aufzuarbeiten.

Regensburg schmückt sich gern mit seiner Geschichte. Manchmal, wie im Fall Colosseum, beschweigt man sie aber auch. Ist das „normal“? So, wie jeder von uns im Lauf der Zeit, mit Blick auf sein Leben, seine eigenen Narrative entwickelt? 

Kai: Ich denke schon, ja. Ich glaub, jeder von uns hat Momente in seiner Biografie, über die er nicht gern spricht. Und so ist das auch mit Städten. Oder Ländern. In Deutschland wollte lang niemand darüber reden, was eigentlich zwischen 1933 und 1945 passiert ist. Und speziell in Regensburg zeigt sich das jetzt halt im Colosseum. Allerdings ist eine Stadt oder ein Land kein Individuum, das seine eigene Geschichte schreibt! Da geht’s um etwas Kollektives. Und das heißt für mich: Es gibt da auch eine Verantwortung, sichtbar zu machen und sichtbar zu halten, was passiert ist. 

Du hast die Geschichte des Hauses Stadtamhof 5 in einer Broschüre zusammengefasst: 20 Seiten, kurz und knapp. Trotzdem hab ich beim Lesen immer wieder mal absetzen müssen, weil es einfach zu hart ist. Wie ist es dir beim Aufschreiben ergangen?

Kai: Auch nicht anders. Also, ich hab in dem Zusammenhang natürlich noch viel mehr über NS-Geschichte und gerade Konzentrationslager, Zwangsarbeit, Vertreibung gelesen. Und ich hatte mehrere solcher Momente, in denen ich dachte: Puh, das war jetzt aber ganz schön viel! Da muss ich erst mal drüber nachdenken. Ich habe zum Beispiel ein Buch gelesen, die Geschichte eines Überlebenden, der durch mehrere Konzentrationslager quasi gereicht wurde und am Ende in Stadtamhof gelandet ist. Der hat seine Biografie geschrieben – und die musste ich tatsächlich immer wieder mal weglegen. Oder ich hab mit dem Lesen gleich ganz aufgehört für diesen Tag und komplett was Anderes gemacht. Interessant – und erschreckend! – ist ja, wie man sich beim Lesen dran gewöhnt, dass da ständig Menschen zu Tode kommen. Auch deshalb finde ich es wichtig, zwischendurch auf Abstand zu gehen – damit  man nicht irgendwann anfängt, das für „normal“ zu halten.

In den ehemaligen Tanzsaal im Colosseum, wo gegen Ende des Zweiten Weltkriegs 400 Gefangene des NS-Regimes unter menschenunwürdigen Bedingungen, bewacht, schikaniert und schwerst misshandelt von SS-Schergen, eingesperrt waren, zogen nach 1945 nacheinander: ein Möbelhaus, ein (damals so genannter) Beatschuppen, ein Striptease-Lokal, das Regensburger Bauerntheater. Funktioniert so Verdrängung? 

Carla: Ich weiß nicht, ob ich da ausschließlich von Verdrängung sprechen würde – weil es gab damals sicher ganz unterschiedliche Lebensrealitäten und irgendwie musste es ja weitergehen für die Menschen. Räume sind auch nie neutral: Da passieren verschiedene Dinge und verschiedene Nutzungen und verschiedene Menschen gehen Ein und Aus. Aber ich bin nicht in der Zeit geboren und weiß deshalb nicht, wie es sich angefühlt hat im Krieg hier in Regensburg – und warum man speziell diesen Ort danach nicht erst mal in Ruhe gelassen hat … 

Kai: Es gibt auch so ein paar Lücken in der Geschichtsschreibung, was jetzt genau wann war. Ab 1962 weiß man’s ganz gut, mit dem Tanzpalast, da gibt’s auch noch Akten im Stadtarchiv, danach hat sich’s dann nahtlos angeschlossen. Die Zeit davor, nach 1945 bis in die 50er, ist ein bisschen ein Fragezeichen. Nach dem, was ich herausgefunden habe, hat’s da wohl auch mal einen Weihnachtsmarkt gegeben. Das muss so Anfang der 50er gewesen sein. Und dann eben das Möbelhaus. Aber auch dazu habe ich keine exakten Zeitangaben gefunden. 

Nicht zur Verdrängungstheorie passt, dass der Beatschuppen von einem jüdischen Mitbürger – und Auschwitz-Überlebenden – betrieben wurde, dessen ganze Familie von den Nazis ausgelöscht worden war. Wisst ihr mehr darüber?

Kai: Israel Offmann, ja. Da gibt es zwei Erzählungen. Die eine Quelle sagt, dass er selber nicht wusste, was in dem Saal war, und erst später davon erfahren hat. Seiner Tochter zufolge hat er es schon gewusst. Aber seine Intention war, über den Club mit der jungen deutschen Generation in Kontakt zu kommen, die ja mit dem, was ihm passiert war, nichts zu tun hatte. Nachdem es die Tochter war, die das gesagt hat, halte ich das für die glaubwürdigere Variante. Und die ausgestreckte Hand Offmanns nach allem, was war und was er mitgemacht hat, für eine riesengroße Geste! 

2005 wurde der Tanzsaal „im Zuge von Renovierungsarbeiten“ abgebrochen. Wäre das nicht der Moment gewesen, in dem Politik und Stadtgesellschaft hätten intervenieren müssen?

Carla: Auf jeden Fall! Weil es ein Originalschauplatz ist. Erinnerung an einem Ort aufrecht zu erhalten, den man erst neu schaffen muss, macht die Sache nicht einfacher. Deshalb war’s uns auch so wichtig, im selben Gebäude, wenn auch in einem anderem Trakt, mit der Erinnerungsarbeit beginnen zu können. 

Kai: Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, warum der Tanzsaal damals abgerissen wurde? Kann sein, dass man sich damit quasi in einem Aufwasch auch der Geschichte entledigen wollte. Das ist eine Frage, die sich viele stellen. Aber man kann sie nicht eindeutig mit „Ja“ beantworten, weil man darüber zu wenig weiß.

Dafür spricht der jahrzehntelange, teils erbitterte Widerstand gegen jede Form der Aufarbeitung an der Stelle von Seiten der Stadt, aber auch aus der Zivilgesellschaft in Stadtamhof.

Kai: Ich hab in dem Zusammenhang viel mit Hans Simon-Pelanda gesprochen, der sich in den 1980er-Jahren mit einer 11. Klasse der Berufsschule für Wirtschaft der Stadt Regensburg am Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten beteiligte und sich im Ergebnis auf das Haus Stadtamhof 5 festlegen konnte – dass hier das vergessene KZ-Außenlager gewesen sein musste. Die Schüler:innen, die bei dem Wettbewerb den zweiten Preis gewannen, spendeten damals einen Teil ihres Preisgeldes für eine Gedenktafel am Haus – die aber nie in Auftrag gegeben wurde. Die Stadt war in Sachen Colosseum immer sehr zögerlich. Oft wurde auch der Besitzer als Grund genannt, warum einem da die Hände gebunden waren. Aber die Abwehrhaltung in Stadtamhof war wohl generell sehr stark. So stießen die Schüler:innen damals bei ihren Befragungen in der Nachbarschaft auf eine Mauer des Schweigens. Sie wurden abgewiesen, man hat sie beschimpft und bedroht. 

Die Relativierer und Schlussstrich-Zieher in Sachen NS-Vergangenheit sterben offenbar nie aus! Die ungute Tradition reicht von Martin Walsers „Moralkeule Auschwitz“ in den 1980ern über Alexander Gaulands „Vogelschiss der Geschichte“ (2018) bis zum „Schuldkult“-Gequatsche der Neuen Rechten. Muss man das verstehen? 

Carla: Mich macht das einfach nur sprachlos. Ich kann das von meinem Standpunkt aus nicht nachvollziehen.

Kai: Ich glaube, dass viele die Frage einfach nicht verstanden haben. Wenn ich allein das Wort „Schuldkult“ höre: Ich fühl mich überhaupt nicht schuldig, weil ich persönlich kann ja nichts dafür, dass die Nazis in ihren KZs Millionen Menschen ermordeten. Ich fühl mich vielleicht verantwortlich dafür, dass man die Erinnerung aufrecht erhält. Erinnerungsarbeit ist aber nicht, mit dem Finger auf Andere zu zeigen, sondern es geht dabei darum, nicht zu vergessen. Menschen nicht zu vergessen. Menschenleben nicht zu vergessen. Und das löst dann diesen Reflex aus: Dass gewisse politische Strömungen und Bewegungen sich in ihrem Weltbild angegriffen fühlen, wenn man feststellt, dass das, was sie vertreten, in letzter Konsequenz wieder zu solchen Verbrechen führen könnte.

Wenn Sprüche wie der vom „Schuldkult“ bei manchen Menschen heute noch verfangen, ist es dann mit unserer Erinnerungskultur vielleicht doch nicht so weit her wie wir glauben? Du hast dich damit eingehender befasst, Carla …

Carla: Ich weiß nicht, ob ich soweit gehen würde zu sagen, da ist was nicht in Ordnung mit unserer Erinnerungskultur per se. Denn es gibt da viele Ansätze, viele Leute haben sich aktiv darum bemüht und es war nicht immer einfach, das durchzusetzen. Was uns betrifft, sind wir der Überzeugung, dass es neue Arten von Erinnerungskultur geben kann, dass man da noch nicht am Ende ist und dass es im Grunde kein Modell gibt, das immer und an jedem Ort für alle funktioniert. Wir haben hier im ehemaligen KZ-Außenlager Stadtamhof 5 die Situation, dass die Häftlinge in einem anderen Raum untergebracht waren, den es nicht mehr gibt, unser Raum aber gehört als Wirtshaus und Gasthaus, das hier damals war, dazu. Das eröffnet uns viele Möglichkeiten – in dem Sinn, dass wir sagen, wir machen das auf eine lebendige Weise, verbinden Kultur und gastronomischen Betrieb.

Was sind für euch Beispiele gelungener Erinnerungskultur?

Carla: In der näheren Umgebung ist für mich die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg auf jeden Fall ein Ort, den ich hervorheben würde – weil da sehr feinfühlig, mit fundierten wissenschaftlichen Methoden und auch mit künstlerischen Ansätzen ein Projekt realisiert worden ist, das in sich stimmig ist. 

Kai: Mir fällt dazu das Holocaust Mahnmal in Berlin ein, das auch sehr prominent in der Stadt platziert wurde. Ein eindrückliches Gebilde, wo man im ersten Moment vielleicht gar nicht versteht, worum’s da geht, wenn man’s nicht schon weiß. Dieser Eindruck, den die Architektur mit ihren Stelen noch verstärkt, dass man da quasi hineingeht, immer tiefer, und fast drin versinkt: Wie verloren man sich da fühlt! Dann das Dokumentationszentrum in der Mitte. Klar, wir haben es hier mit dem Hauptstadt-Projekt zum Thema zu tun, es ist aber wirklich gut gelungen. Und dass viele Leute sich davon gestört fühlen, zeigt für mich nur, wie gut es funktioniert!

Ich weiß nicht, wie es euch geht: Aber ich kann zum Beispiel diese mit tonloser Stimme vorgetragenen, in ihrer Formelhaftigkeit erstarrten Politikerreden an Holocaust-Gedenktagen etc. nur noch schwer ertragen. Ich will niemandem die Empathie absprechen. Aber mein Eindruck ist, dass hier vieles nur noch routinemäßig abgespult wird. Das Gegenteil gelungener Erinnerungskultur?

Carla: Ich versteh, was du meinst. Aber ich glaub trotzdem, dass es wichtig ist, bestimmte Gedenktage und zentrale Tage zu haben, wo das im Kalender verankert ist und eine Präsenz bekommt. Auch wenn man es vielleicht nur am Rand mitkriegt. Wenn es in den Nachrichten nur kurz angerissen wird. In solchen Gedenktagen steckt einfach auch ein Auftrag drin. Und es gibt schon auch Reden und Ansprachen, die anders sind …

Kai: … Hape Kerkeling in Buchenwald zum Beispiel, am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers im April diesen Jahres! Ich glaube, es kommt darauf an, wer’s macht und aus welchem Antrieb. Ob sich Menschen qua Amt dazu genötigt fühlen, sage ich mal, in Anführungszeichen, so eine Rede zu halten – da kann das schon so seelenlos wirken, wie du es beschreibst. Aber es gibt auch Menschen, die heute noch mit dem nötigen Spirit an diese Aufgabe rangehen, den Spirit rüberbringen können und das auch wollen. 

Wie leicht oder wie schwer ist es, vom Reden ins Handeln zu kommen? Wie war das bei euch?

Kai: Ich würde sagen, man braucht Motivation und Möglichkeiten …

Carla: Was auf jeden Fall dazu gehört, wenn man so ein Projekt angeht, sind Mut und Optimismus, ein bisschen Demut auch vielleicht. Dieses Wissen: Vielleicht wird’s nicht perfekt. Wir sind alle keine Expert:innen auf dem Feld. Wir sind ein Verein aus verschiedenen Menschen, die sich mit verschiedenen Fähigkeiten identifizieren. Aber: Wir versuchen’s, bevor die Möglichkeit weg ist. 

Kai: Ich glaube, weil man die Möglichkeit gesehen hat und sich irgendwie so Sachen gefügt haben – der Laden stand gerade leer, Menschen hatten grade Zeit und Lust, sich hier zu engagieren – hat man jetzt schon auch ein Pflichtgefühl, das zu machen. Also, ich zumindest.

Carla: Ja, ich denke, wir haben uns da einfach kollektiv bestärkt.

Wie lernt man einander vertrauen?

Kai: Ich weiß nicht, manchmal spürt man das bei Menschen, wenn man sie näher kennenlernt. Manchmal wird man auch durch Taten überzeugt, ich will jetzt nicht Leistung sagen, aber wenn jemand sagt, er macht was und macht das dann auch, dann lerne ich, ihm zu vertrauen.

Carla: Wenn dir bewusst wird, wieviel praktischer Arbeitsaufwand mit so einem Projekt verbunden ist  – und das ging bei uns sehr schnell – ist klar, dass du auch vertrauen musst!

Kai: Man gibt einen Vertrauensvorschuss und der wird halt eingelöst oder nicht …

Carla: Ja, und weil wir alles im Plenum entscheiden, ist es einfach auch wichtig, dass jeder sagt, was er meint und macht, was er sagt.  

Viele von euch, die sich jetzt hier im Colosseum engagieren, sind zwischen 20 und 30. Das ist eigentlich ein Alter, wo man weniger zurück in die Vergangenheit schaut, sondern mehr nach vorne …

Kai: Ja, man hat vielleicht als junger Mensch noch mehr Energie, die Zukunft zu formen und noch mehr auch so ne gewisse Naivität und Utopie, die einen leiten …

Carla: Obwohl ich das jetzt älteren Menschen nicht absprechen würde! Im Gegenteil. Die Menschen hier im Verein, die jetzt nicht Anfang bis Ende 20 sind, sind absolut voller Tatendrang und voller Lust, dieses Projekt ins Rollen zu bringen und für eine gute Sache einzustehen.

Kai: Sie bringen auch Erfahrung mi!

Carla: Das ist, glaube ich, auch ein sehr wichtiger Punkt, der uns vielleicht erst ausmacht, dass man sagt: Da sind Menschen mit drin, die haben schon viel mehr erlebt als andere und sind bereit, dieses Gelernte auch weiterzugeben.

Kai: Ich finde auch, das ergänzt sich sehr gut: Manchmal, ganz naiv, die Dinge einfach machen. Und auf der anderen Seite der Realitätssinn und die Erfahrung. Da trifft sich was und jeder kann vom Andern lernen. Das ist eine ganz gute Balance, ja.

Erinnerungsarbeit hätte keinen Sinn, wenn sie nicht auch in die Zukunft weist. Ich glaube, das versteht jeder, der es gut mit uns als Gesellschaft und unserer freiheitlichen Demokratie meint …

Kai: „Erinnerungsarbeit ist der beste Waffe gegen Rechts“, habe ich neulich mal gehört …

Wie macht ihr das im Colosseum? Was ist euer Ansatz?

Carla: Ich glaube, eine gewisse Gleichzeitigkeit zu erlauben, trifft’s vielleicht am besten. Zu sagen: Wir klammern die Vergangenheit nicht aus. Aber das Colosseum muss deshalb kein Ort der ausschließlichen Trauer und der Stille sein, sondern es darf trotzdem – und vielleicht gerade deshalb – getanzt, diskutiert, gelacht werden, es dürfen kulturelle Veranstaltungen stattfinden. Wir dürfen nur nie vergessen, was hier passiert ist. Unsere Verantwortung ist es, daran zu erinnern und dafür zu sorgen, dass man sich hier jederzeit informieren kann.

Man kann auch mit euch in den Dialog gehen …

Carla: Du meinst den Bierfilz …?

Genau. Mit den Fragen auf der Unterseite: „Worüber sollte deiner Meinung nach künftig hier im Colosseum gesprochen werden?“ „Was weißt du über ein Familienmitglied während des Zweiten Weltkriegs?“ Das ist quasi eine Einladung, die ich annehmen kann, aber nicht muss.

Kai: Das ist ein Angebot, ja.

Carla: Das können wir so machen, weil wir halt in weitesten Sinn ein Wirtshaus sind und damit hier, an dieser Stelle, auch an eine Tradition anknüpfen. Gleichzeitig schwingt so mit, dass das alles auch ganz schnell kippen kann und schreckliche Dinge passieren können. Dafür ein Bewusstsein zu schaffen, ist und bleibt die Herausforderung.

Kai: Wobei wir da uns da leichter tun, glaube ich, als so die typische Gedenkstätte. Gedenkstätten haben etwas Konfrontatives, du gehst da bin und setzt dich dem Thema ganz bewusst aus. Oder du fährst halt nicht Flossenbürg, wenn du dem aus dem Weg gehen willst. Bei uns, wo du vielleicht gern bist, weil da auch andere Veranstaltungen stattfinden, erfährst du auch etwas über Geschichte, aber der niederschwellige Ansatz erleichtert den Zugang – und wir hoffen natürlich, dass wir damit auch Leute abholen können, die wir sonst vielleicht nicht erreichen würden.

Wie reagieren denn die Leute auf das Gesprächsangebot? Was waren so die Antworten, die euch bisher am meisten gefreut, irritiert oder inspiriert haben?

Das wurde total gut angenommen. Am schönsten fand ich, zu beobachten, wie Menschen miteinander ins Gespräch gekommen sind und zusammen darüber geredet haben, was der Opa im Zweiten Weltkrieg erlebt hat oder wann man Zusammenhalt in der Gegenwart spürt. Ich glaube, da gibt es keine spezifischen Antworten, sondern diese große Vielfalt von Lebensrealitäten und die Gespräche darüber, haben mich am meisten gefreut. Als die Wände noch mit den Bierdeckeln voll hingen, war das echt berührend, so viel verschiedenes nebeneinander zu lesen.

Gerade ist mit der „Widerstandswoche“ eine erste, wichtige Veranstaltungsreihe im Kulturraum zu Ende gegangen. Was waren die Themen? Und inwieweit ist das Konzept dieser Veranstaltung typisch für das, was ihr euch für die Zukunft vorgenommen habt?

Carla: Mit der Widerstandswoche wollten wir uns anlässlich des 20. Juli (Tag des Widerstands gegen den Nationalsozialismus) damit beschäftigen, was Widerstand eigentlich bedeutet. Damals und heute, gesellschaftlich und individuell. Dabei gab es mehrere Programmpunkte – Vorträge, Diskussionen, Workshops, Lesungen, Musik und gastronomisches Angebot – die verschiedene Gewichtung und Herangehensweisen an das Thema hatten. Also zum Beispiel eine juristische Perspektive zum zivilen Ungehorsam und dem Grundgesetz oder ein Workshop in dem man lernen konnte, Nein zu sagen und sich abzugrenzen. Wichtig war auch der regionale Fokus mit einem Vortrag zu den Widerstandskämpfern im KZ Außenlager Colosseum oder ein Stadtrundgang zu Widerstand in der NS Zeit in Regensburg. Diese Diversität an Programmpunkten und die verschiedenen Zugänge zu einem Thema möchten wir auf jeden Fall beibehalten, auch in folgenden Veranstaltungsreihen. Weil sowas den Blick weitet und Dialog ermöglicht, indem für viele Menschen etwas dabei ist, um drüber zu reden.

Mit eurem Engagement und diesem Ort hier habt ihr etwas geschaffen, was die Stadt in Jahrzehnten nicht fertig gebracht hat. Gibt es wenigstens jetzt Signale von offizieller Seite, dass man bereit ist, das Projekt zu unterstützen?

Carla: Also, die Widerstandswoche zum Beispiel wurde jetzt auch vom Kulturamt gefördert und da waren wir sehr dankbar, weil allein hätten wir das nicht stemmen können. Wir bemühen uns auch um Kooperation und Austausch …

Kai: Ja, da gibt’s mal mehr, mal weniger Interesse, mit uns zusammenzuarbeiten.

Carla (lacht): Wir würden uns natürlich freuen. Und sind nach wie vor offen dafür!

Danke fürs Gespräch!

Beim Interview mit Carla und Kai haben wir viel gestaunt. Und hier und da an Max Czollek denken müssen und seine Idee davon, wofür Erinnerungskultur da ist - nämlich dass sie (Zitat) "in der pluralen Demokratie nicht auf die Normalisierung der Nation zielen sollte, sondern darauf, die Gegenwart so einzurichten, dass sich die gewaltvolle Vergangenheit nicht wiederholt". Ein solches Verständnis, schreibt Czollek in seinem 2024 erschienenen Essay "Ganz normale Deutsche", "schließt Formen der Selbstverteidigung mit ein, staatlicherseits, aber vor allem auch vonseiten der Zivilgesellschaft". Carla, Kai und Co. machen mit dem Colosseum e.V. Erinnerungsarbeit auf Höhe der Zeit - und hätten dafür, in unseren Augen, schon heute den Kulturpreis verdient. P.S.: Das Colosseum ist eine gemeinnützige Initiative. Jede:r kann ein Teil davon sein! Kontakt: www.colosseum-regensburg.de