Er gilt als „Deutschlands verborgenster Maler“: Seine beißende Ironie, die Gesellschafts- und Systemkritik seiner Bilder waren too much für die DDR, der Kunstbetrieb im Westen ließ ihn nach der Wende links liegen. Antje Schunke, Kunsthistorikerin und Kuratorin der Kunsthalle Rostock, bereitete Hans Ticha, 86, jetzt mit der ersten Retrospektive seines malerischen Werks doch noch die erhoffte – und verdiente – große Bühne. Aktuell ist die Ausstellung in Nürnberg zu sehen. Ein Interview
Frau Schunke, der Maler Hans Ticha ist den wenigsten Deutschen ein Begriff. Dass er jetzt, mit 86, doch noch entdeckt wird, ist vor allem Ihr Verdienst. Wie haben Sie das gemacht? Warum war Ihnen das wichtig?
Antje Schunke: Der Vollständigkeit halber muss ich sagen, dass ich das nicht allein gewesen bin. Sondern dass das auch ganz stark mit Johannes Zielke zu tun hat, einem Galeristen, der Hans Ticha seit über zehn Jahre begleitet. Mit ihm zusammen haben wir diese Idee in die Kunsthalle Rostock getragen. Zudem hat mich eine Aussage von Hans Ticha sehr nachdenklich gemacht. In vielen Gesprächen, die wir geführt haben – und ich habe ihn ein paar Mal besucht – sagte er: „Ich werd’ immer noch als Ost-Maler betrachtet, obwohl ich jetzt schon länger im Westen lebe als ich je im Osten gelebt hab’…“
Der Maler hat den Ehrgeiz der Kunstwissenschaftlerin geweckt?
Ich finde es spannend zu beobachten, wie sich der Blick auf die deutsch-deutsche Kunstgeschichte seit der Wende mehr und mehr ausdifferenziert! Auch die Ticha-Ausstellung sehe ich in diesem Zusammenhang – quasi als Puzzlestück, als Nuance von Grautönen: Unter welchen Umständen entstand die Kunst eines Hans Ticha in der DDR? Und wie gestaltete sie sich darüber hinaus, nach 1989? Das waren wichtige Fragen für die Ausstellung. Hinzu kam: Wie gestaltete er seine Bildwelt? Und wie betrachten wir sie heute? Sein Schaffen ist ja von staunenswerter Qualität und Dichte. Hier auf Zwischentöne zu achten, sie lesen zu können, ist die Voraussetzung, um Geschichte zu verstehen.
Es ist die Rede von 120 Leihgaben der unterschiedlichsten Museen, die Sie für die große Ticha-Retrospektive in Rostock zusammengetragen haben. Das heißt: Es gibt keine Sammlung Ticha, keine Stiftung, auch keinen Vorlass …
… aus dem man hätte schöpfen können? Nein. Es gibt einen Vorlass, aber nur für sein illustratorisches Schaffen, das sich seit 2020 im Deutschen Buch- und Schriftmuseum in Leipzig befindet. Und seit den 2010er-Jahren ist zu beobachten, dass einzelne seiner Werke von Museen angekauft werden. Die Neue Nationalgalerie in Berlin, das Deutsche Historische Museum Berlin, das Haus der Geschichte in Bonn haben sich vorrangig für die von Ticha so genannten „Polit-Bilder“ interessiert. Im Zuge einer Ticha-Ausstellung, die ich mit Johannes Zielke in Schwerin realisieren durfte, wurden drei Gemälde durch das Staatliche Museum Schwerin angekauft. Andere, wie das Städel Museum in Frankfurt/ Main und Das Minsk Kunsthaus in Potsdam, zogen nach. Neu ist das internationale Interesse: Während der Ausstellung in Rostock zum Beispiel hatten wir allein mehrere Anfragen aus den USA, von Museen und Universitäten, wo Forschende mehr über Hans Ticha wissen wollten. Aber auch Kulturjournalisten aus Rumänien und Polen fragten an. Das hat es vorher nicht gegeben.


Maler Hans Ticha, Kuratorin Antje Schunke: „Geschichte verstehen“
Kein Wunder: Ein Lautsprecher war Hans Ticha nie. Wohl aber ein Meister des Versteckspiels …
Das kann man so sagen, ja.
In der DDR, wo er bis zur Wende lebte und arbeitete, gab es den offiziellen Ticha, der als Buchillustrator eine feste Größe war. Und es gab den Künstler, der im Verborgenen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit malte. Keine Situation, die man sich wünscht. Aber für ihn: alternativlos?
Absolut! Als ich ihn darauf angesprochen habe, sagte er: Er hätte es nicht ertragen können, wenn er nicht ein Ventil gehabt hätte – und das war das eben diese heimliche, inoffizielle Malerei. Mit den Illustrationen hat er sein Brot verdient. Sein Gewissen bereinigte er mit der Malerei im Verborgenen.
Dem Sozialistischen Realismus, wie ihn die DDR von Ihren Künstler:innen erwartet und auch gefordert hat, konnte Ticha nie etwas abgewinnen. An der Kunsthochschule Weißensee wechselte er deshalb schon früh von der Malerei bis zur Gebrauchsgrafik – was sich als Glücksfall erweisen sollte, nicht nur für ihn …
Er hat sehr schnell gemerkt, dass er dort – unter Walter Womacka, einem loyalen Staatskünstler und SED-Funktionär – die Malerei, wie er sie schätzte, und seine Vorbilder aus der Klassischen Moderne nicht würde anbringen können. Und Ticha war und ist da konsequent: Er weiß, dass er sich nicht verbiegen möchte. Aber er weiß auch, dass er weiter künstlerisch tätig sein möchte. Also wechselte er zur Gebrauchsgrafik, weil die Spielräume dort größer waren: Das wurde nicht ganz so stark kontrolliert und reglementiert. Und es erlaubte ihm somit, sich treu zu bleiben.


Bücher mit Illustrationen von Hans Ticha (o.) wurden auch in der BRD verlegt wie hier bei Büchergilde Gutenberg
Viele junge Leser:innen in der DDR sind mit den von Hans Ticha illustrierten Bilderbüchern, Kinderbüchern, Jugendbüchern aufgewachsen. Welches war ihr Favorit? Hatten Sie einen? Oder mehrere?
Die „Zähneputzer“ sind toll! Heute als Erwachsene habe ich noch einen anderen Favoriten – den „Krieg mit den Molchen“ nach dem Roman von Karel Čapek, ein unglaublich aktuelles Werk, eine Science Fiction-Satire auf die Verhältnisse am Vorabend des Zweiten Weltkriegs aus dem Jahr 1936, das, von Ticha illustriert, noch kurz vor der Wende 1987 im Aufbau Verlag erschienen ist.
Wie würden Sie seinen Stil beschreiben? Gibt es den speziellen Ticha-Touch?
Typisch sind die geometrischen Grundformen, vor allem Kreis und Kugel. Deswegen bezeichnete der Grafiker Herbst Sandberg Tichas Stil auch mal augenzwinkernd als „Kugelismus“. An seinen kreisrunden Köpfen und Figuren – stark reduziert, in einprägsamen Farben, rot, blau, gelb, flächig aufgetragen – erkennt man ihn sehr gut. Und: In der Einfachheit seiner Bildsprache schwingt immer noch ein komplizierter Inhalt mit! Das finde ich eine besondere Qualität von ihm.
Für seine Illustrationen wurde Ticha in der DDR mit Auszeichnungen und Preisen überhäuft. Was dagegen seine Malerei betrifft, Bilder wie „Staatsbesuch“, „Klatscher“ oder „Mauer“, hängt man sich wohl kaum zu weit aus dem Fenster, wenn man sagt: Jedes einzelne hätte dem Regime genügt, um ihn als Künstler kalt zu stellen …
Eine Aussage von ihm ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben, nämlich als er einmal von seiner persönlichen „To-do-Liste “ sprach, wie wir heute sagen würden. Ticha wusste genau, wie gefährlich seine verborgene Malerei für ihn war, welche Konsequenzen es gehabt hätte, wenn die Bilder publik geworden wären. Und der Satz ganz oben auf seiner Liste lautete: „Meine Bilder vernichten“. Tatsächlich wussten nicht einmal eine Handvoll Leuten von diesen Arbeiten: Seine Frau, ein, zwei weitere Vertraute und er. Seine Wohnung mit dem Atelier und den Bildern war streng abgeschirmt und verschlossen. Aber das System hatte natürlich im Fall der Fälle seine eigenen Möglichkeiten. Das wusste auch er. Zumal das Haus von der Stasi überwacht wurde – und auch die Bürgerrechtlerin und Friedensaktivistin Ulrike Poppe dort wohnte, die 1983 von Mitarbeitern des MfS verhaftet wurde.
Tichas Bilder sind gemalte Systemkritik: an der (sog.) „Völkerfreundschaft“ mit der UdSSR, an den alles abnickenden Funktionären im Arbeiter- und Bauernstaat, an der fehlenden Freizügigkeit …
Sein großes Thema ist die Bigotterie des Systems! Ein Beispiel dafür ist das großformatige Gemälde „Mauer“ von 1980. Einerseits stand diese Mauer für einen Tod bringenden Raum, für ein Tabu, denn man durfte sie in der DDR ja weder zeichnen, malen noch fotografieren oder anderweitig abbilden. Man durfte sich der Mauer auch nicht nähern. Andererseits inszenierte die Nationale Volksarmee dort ihre Zapfenstreiche und Aufmärsche. Ich erinnere mich noch an die Wachablösung an der Schinkelwache Unter den Linden, wo die ewige Flamme brannte, und das alles in Sichtachse zur Berliner Mauer am Brandenburger Tor! Man sieht auf Tichas Bild – das kurioserweise die Stadt Mainz kurz nach der Wende angekauft hat, möglicherweise ohne zu wissen, was es damit auf sich hat – einen Spielmannszug der NVA. Das hat auf den ersten Blick etwas Fröhliches, Freudiges. Gleichzeitig wird hier mit der Waffe auf einen deutschen Pappkameraden gen Westen angelegt. Man spürt die Ambivalenz in dem, was Ticha uns hier zeigt. Genau wie bei den „Klatschern“: Anhand dieser Figur kritisiert er die Mechanismen, die Rituale, die so ausgehöhlt und leer waren, dass keiner sie mehr ernst genommen hat. Die aber trotzdem den ostdeutschen Alltag bestimmt haben. Und die Mehrheit, nicht alle, haben eben auch mitgemacht.


Ticha-Bilder „Republikgeburtstag“ (l.), „Klatscher“: „Die Mehrheit hat eben auch mitgemacht“
Es ging ihm in diesen Bildern, wie er sagt, „nicht um die DDR, sondern um die Diktatur und wie sie sich präsentiert“.
Ja, er geht da wirklich tief rein. Zum Beispiel fertigte er Collagen aus Zeitungsausschnitten an. Dafür hätte er belangt werden können! Es gab wohl sogar einen Paragrafen im Strafrecht der DDR dafür. Ticha verwertete Bilder von Kongressen, Parteitagen, verschiedenen politischen Veranstaltungen mit klatschenden Menschen darauf. Die Abbildungen stammten aus dem „Neuen Deutschland“, dem Zentralorgan der SED. Er hat sie ausgeschnitten und nach eigenen Kriterien wieder neu zusammengefügt – wie ein Archäologe, der lauter Speerspitzen ausgegraben hat und sie nebeneinander legt, um herauszufinden, worin die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede liegen. Daraus destilliert er dann seine Erkenntnis. In diesem Fall die Figur des „Klatschers“ und „Hochrufers“, die er anschließend in seinen Grafiken und Gemälden künstlerisch ausformuliert.
Als Symptom der Diktatur?
Das mit der Diktatur war lang Gegenstand eines Streits unter Historikerinnen und Historikern! Sehr viele Menschen und gerade die mit DDR-Vergangenheit haben sich daran gestört, als es hieß: Die DDR war eine Diktatur. Weil man sich damit in eine Reihe mit dem NS-Regime gestellt sah. Dafür sprachen die autoritären Vorgaben und ihre massenhafte Verbreitung, die täglichen Parolen, die Fixierung auf „Heldinnen“ und „Helden“ in der Bildsprache, das Lenken der Massen und die Uniformierung – Aspekte, wie Ticha sie in der DDR beobachtet hat. Er hat sich überhaupt viel mit unterschiedlichen Sichtweisen auf Geschichte beschäftigt, auch nach dem Ende der DDR, zu sehen etwa in der Assemblage aus rot angemalter Sichel mit der Prägung „,made in UdSSR“ und einer Campbell Tomato Soup à la Andy Warhol, die er in Anspielung auf das Buch und die These von Francis Fukuyama „Das Ende der Geschichte“ nannte und mit der (Jahres-)Zahl „89“ versah.
Wieviel Enttäuschung über den „real existierenden Sozialismus“ in der DDR steckt Ihrer Meinung in den politischen Werken Tichas?
Enttäuscht vom Sozialismus, denke ich, war er nicht, da hatte er möglicherweise auch keine allzu hohen Erwartungen. Enttäuscht von den Menschen vielleicht, das müsste man ihn fragen. Aber wenn man sich die Themen anschaut, mit denen er sich nach seinem Umzug von Berlin nach Mainz und dann in die Nähe von Frankfurt/Main 1990 beschäftigt, dann ist das im Prinzip derselbe wache Zeitgeist, den er da über seine „neuen“, westdeutschen Mitbürgerinnen und Bürger schweifen lässt. Nur setzt er sich eben mit anderen Phänomenen auseinander: dem Ausdruck von Kommerz, Kapitalismus usw. Also, ich hab nie von ihm gehört, dass er enttäuscht vom Sozialismus war.

Leerstelle: „Lismus“, 1983
Ticha war nicht blauäugig. Trotzdem hat er 1975 eines seiner Bilder („Mannschaft“) zur großen Leistungsschau der DDR-Kunst in Dresden eingesandt, von dem er hätte wissen müssen, dass es Schwierigkeiten gibt. Was ging da in ihm vor?
Das war in der Zeit, als er wirklich mal – mit seinen Sportbildern – als Maler in Erscheinung getreten ist. Er malte große Formate wie den wundervollen „Hochsprung“ von 1977 und hat dafür ein gutes Feedback bekommen. In der DDR konnte er Einiges davon im illustratorischen Bereich veröffentlichen. Und die IX Bienal Internacional del Deporte en las Bellas Artes lud ihn nach Barcelona ein – die Bilder durften reisen, er leider nicht. Man würdigte ihn und seine Kunst. Die eingesandten Arbeiten wurden dann auch angekauft. Die Sache mit der „Mannschaft“ dagegen war von Anfang schwierig …
Inwiefern?
Naja, für einen Künstler wie ihn – und Ticha war ja Mitglied des Verbandes der Künstler der DDR – war die Teilnahme an der großen Kunstausstellung der DDR quasi obligatorisch. Man war angehalten, kund zu tun, woran man gerade arbeitete. Das heißt: So ganz freiwillig hat er das Bild nicht eingesandt. Und die „Mannschaft“, eine Elf der Gesichtslosen, hatte schon Befremden ausgelöst, als es ein Jahr nach seiner Entstehung im Klub der Kulturschaffenden „Johannes R. Becher“ Berlin zum ersten Mal gezeigt wurde. Im Besucherbuch gab es kritische Einträge. Auch die Dresdner Jury war sich bewusst, dass dieses Bild wohl anecken würde. Aus diesem Grund hat man es quasi ein wenig versteckt positioniert – in einem Nebenraum, den man durch eine Tür leicht abschließen konnte, bevor da eine offizielle Delegation durchmarschieren konnte. Interessant ist auch …
Ja?
… dass das Bild wenige Jahre nach der Schau in Dresden, also noch zu DDR-Zeiten, vom Weimarer Museum für die Sammlung angekauft wurde, durch eine damals sehr couragierte Museumsleitung. Deshalb hat die Klassik Stiftung Weimar heute das Glück, dieses in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Bild zu besitzen, das dann bei der skandalträchtigen Ausstellung 1999 in Weimar – „Aufstieg und Fall der Moderne“ – prompt noch mal für Wirbel gesorgt hat. Ticha hatte damals den aus Köln stammenden Kurator Achim Preiß in einem Brief dazu aufgefordert, das Bild der „Mannschaft“ zu entfernen, weil er sich in einen Zusammenhang mit DDR-Staatskünstlern gestellt sah. In diesem Narrativ fand er sich definitiv nicht wieder und dagegen wehrte er sich: Andere hätten vom System profitiert. Er konnte seine politischen Bildern in der DDR nie öffentlich zeigen. Die falsche Zuschreibung hat er sich zu Recht verbeten.
Was genau ist eigentlich der Aufreger an dem Bild?
Diese Frage kommt oft in Führungen und Gesprächen. Und das meine ich mit dem Zwischen-den-Zeilen-Lesen: Sport war wichtig in der DDR, weil er eine Möglichkeit bot, positive Außenwirkung national wie international zu erzeugen. Die DDR hat in Spartakiaden und Olympiaden immer nach einem guten Medaillenspiegel gestrebt und zu welchem Preis ist klar: Wir wissen, wieviel körperliches Leid auf Seiten der Athlet:innen und wie viel Doping hinter den Erfolgen steckten. Offiziell aber gab es das nicht. Und deshalb war auch die Darstellung der Fußball-Mannschaft in der Art, wie Ticha das getan hat, dem Regime suspekt: Nichts an diesem Team ist in irgendeiner Weise heroisch. Es gibt hier keine Sportler, die zu Vorbildern oder Idolen taugen. Im Gegenteil, Ticha hat die Spieler – bis auf den grinsenden Trainer – praktisch anonymisiert. Sie sind nur Rohmaterial in den Händen des Staates: Formbar. Manipulierbar. Austauschbar.

Skandal-Bild „Mannschaft“, 1975
In seinen politischen Arbeiten orientiert sich Ticha an westlichen (!) Vorbildern wie der Pop Art. Er selbst sprach von „Agitpop“ – eine Anspielung auf die Abteilung „Agitation und Propaganda“ des DDR-Staatsapparats …
Ja, er war und ist ein Meister der Ironie! Und dieses Wortspiel in seiner Abwandlung ist wieder so ein Eindampfen eines komplexen Sachverhaltes auf eine prägnant geschnittene Formel. Natürlich spielten Bildwelten in der DDR eine große Rolle, um das Regime und dessen Ideale zu transportieren und zu verfestigen. Und diese Bildgewalt reizt Ticha hier aus – denn natürlich war ihm klar, dass seine politischen Bilder eine Stärke und Macht in sich tragen, um auf Dinge aufmerksam zu machen, wenn auch nicht im Sinne der DDR. Seine Bildsprache ist stark vereinfacht, eine subtile, im Grunde provokante Anspielung auf den Sozialistischen Realismus, der in seinen Brigadier-, Arbeiter- und Bauernbildern auch sehr stark vereinfacht, damit ja jeder versteht, was damit gemeint ist. Ticha dagegen weist auf Sachen hin, die er kritisch sieht. Das ist fast wie ein Karikaturismus, das setzt Verstehen und Analysieren voraus. Und mit genau diesen Untertönen lässt er den Sozialistischen Realismus so platt aussehen, wie er war.
Ich stell mir vor, er sitzt da in seiner Wohnung im Ostberliner Künstlerkiez Prenzlauer Berg und malt diese Bilder. Ohne Kontakt zur Szene um ihm herum. Und ohne dass jemand wissen durfte, was er da macht. Was war das für ein Leben, das Hans Ticha da geführt hat?
In meinen Augen ist er von Haus aus ein eher introvertierter Typ. Ein Einzelgänger, wie er das selbst mal ausgedrückt hat. Wenn er morgens im Prenzlberg Brötchen holen ging und andere Künstler getroffen hat, darf man sich das so vorstellen, dass man sich höflich grüßte. Und das war’s. Er hatte diesen kleinen Kreis Vertrauter um sich, aber das war auch notwendig, sonst hätte dieses Malen im Verborgenen ja nicht funktioniert. Er war immer ein eher zurückgezogener Künstler.
War dieses Leben als „verborgenster deutscher Maler“ der Grund für seine schleppende Rezeption in Ost und West? Oder haben da auch andere Dinge eine Rolle gespielt?
Natürlich spielen auch andere Dinge eine Rolle! 1999 war die Welt anscheinend noch nicht so weit, dass Kunsthistoriker und Kuratoren aus der BRD einen Hans Ticha wahrgenommen hätten. Auch heute ist in Sachen Kunst, die in der DDR entstanden ist, noch viel Luft nach oben. Andererseits haben Museen in Westdeutschland natürlich ihre jeweils eigenen Prägungen in ihren Sammlungen. Das ist ja klar. Das ist im Osten nicht anders. Dazu kommt: Es fehlt viel Wissen. Interesse teilweise auch, vielleicht. Es fehlen die Zugänge. Und die Grundlagenliteratur. Selbst wir hier in der Kunsthalle Rostock, einem Museum mit starkem Fokus auf ostdeutscher Kunst, stoßen in der Aufarbeitung unserer Sammlung immer wieder an Grenzen. Da geht es um Feinheiten, die man lesen können muss – zum Beispiel, wie jemand einerseits Staatsaufträge bekommt und andererseits dick mit Biermann befreundet sein konnte, obwohl der zu dem Zeitpunkt bereits ausgewiesen war. Ein weites Feld.

„Es wächst zusammen“, 1991
Hans Ticha lebt und arbeitet seit 1990 im Westen. Seine Kunst ist nach wie vor politisch und seine Kritik an den Verhältnissen nicht weniger bissig. Kann es sein, dass eine bestimmte Klientel im Westen einfach keine Lust drauf hat, sich von einem „Ossi“ die Welt erklären zu lassen?
Das haben Sie jetzt gesagt (lacht)! Grundsätzlich denke ich: Wenn man vernünftig und aufgeschlossen ist, ist man immer offen für die Sichtweisen Anderer, egal ob Ost oder West, Nord oder Süd oder von wo auch immer jemand kommt. Leute, die neugierig sind und interessiert, werden immer mehr erfahren als Andere, die schon die Bilder fertig im Kopf haben.
Mit Bildern wie „Wutbürger“ und „Wir sind jetzt das Volk“ zum Rechtsruck in Deutschland bewegt sich Ticha auf Augenhöhe mit dem gesellschaftlichen Diskurs. Mein Gefühl ist: Einer wie er wird gebraucht …
Absolut! Deshalb war es mir hier in der Ausstellung in Rostock auch so wichtig, den zeitgenössischen Ticha zu zeigen. Immer wieder wird über seine Politbilder gesprochen. Und es ist ja auch ne Story! Aber genauso spannend ist die Frage, wie relevant er heute ist – und meiner Meinung nach ist er immer noch relevant, weil er immer noch genauso wach und kritisch auf die Gesellschaft schaut wie zum Beispiel in „Der Wutbürger“. Der Begriff hat ja Eingang in unseren Sprachgebrauch und unseren Diskurs gefunden – und das nimmt er als Bildmotiv und Titel auf und sorgt damit für Trigger-Momente. Im Bild erkennt man ein Schild oder Transparent mit der Aufschrift „Muss weg“: Das erinnert an Parolen aus dem rechtspopulistischem Spektrum wie „Merkel muss weg“. Oder der Mund-Nasen-Schutz: Hier werden Erinnerungen an Corona, konkreter an die sogenannten Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker wach. Das sind alles Beobachtungen, die er aufnimmt und in ein Bild gießt. In „Wir sind jetzt das Volk“ von 2024 verhandelt er wichtige Schlüsselmomente unserer deutsch-deutschen Geschichte. Erzählt einerseits von den Montagsdemonstrationen in den Jahren 1989/90 in der sich auflösenden DDR: Der Slogan „Wir sind das Volk“ ist seit damals mit starken Gefühlen besetzt, voll von Stolz und Freude auf die friedlich vollbrachte Revolution durch die Ostdeutschen. Doch nun vollzieht sich eine Geschichte der Aneignung von einst positiv besetzten Begriffen hin zu negativer Vereinnahmung, in diesem Fall durch die neue Rechte. Das macht Ticha sichtbar. Präzise beobachtet wie stets. Und deshalb ist er in meinen Augen nach wie vor ein relevanter deutsch-deutscher Künstler unserer Gegenwart!

… oder auch nicht: „Wutbürger“, 2020
Fotonachweis: Deutsches Ballett © Staatliche Museen Berlin, Neue Nationalgalerie; Der Maler Hans Ticha 2020 © Andreas Labes, VG Bild-Kunst, Bonn 2025; Kuratorin Antje Schunke © Kunsthalle Rostock; Von Hans Ticha illustrierte Bücher © Büchergilde Gutenberg; Republikgeburtstag Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik © Hans Ticha, VG Bild-Kunst, Bonn 2025; Klatscher Foto Christoph Petras, Privatbesitz, © Hans Ticha, VG Bild-Kunst, Bonn 2025; Lismus © Staatliche Museen Berlin, Neue Nationalgalerie; Mannschaft Foto: Klassik Stiftung Weimar © Hans Ticha, VG Bild-Kunst, Bonn 2025; Es wächst zusammen © Hans Ticha, VG Bild-Kunst, Bonn 2025; Wutbürger © Hans Ticha, VG Bild-Kunst, Bonn 2025
Antje Schunke, Jahrgang 1976, noch DDR-sozialisiert und schon ein Wendekind, hat Kunstgeschichte und Geschichte an der M.-Luther- Universität Halle/Saale und an der Freien Universität Berlin studiert. Vor ihrer Tätigkeit als Kuratorin an der Kunsthalle Rostock arbeitete sie am Centre Allemand D'Histoire De L'Art in Paris (Auslandsstipendium) sowie als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Staatlichen Museen Berlin, der Kunsthalle Bielefeld und der Berlinischen Galerie. Die Ausstellung "TICHA. Retrospektive" ist noch bis 14. Juni im Neuen Museum Nürnberg zu sehen (www.nmn.de)




