Digital Art goes Dada goes Surrealismus: Nathalie Jodls aberwitzig-skurrile Collagen sind Bilder von der Nachtseite. Sie entstehen zwischen Tag und Traum und sollen ihr Publikum erheitern. Für Botschaften darüber hinaus übernimmt die Künstlerin keine Gewähr 

0941mag: Wollen wir über deine Kunst reden, Nathalie? Die Collagen sind echt schräg…

Nathalie Jodl: Das hör’ ich zur Zeit öfter!

Wundert dich das?

Vor allem freut es mich, dass die Leute Notiz nehmen von dem, was ich mache. Nicht wahrgenommen zu werden, ist jetzt nicht das, was man sich als Künstlerin oder Künstler wünscht! Und wenn du dann noch merkst, dass die Leute über deine Arbeiten reden, dass sie Fragen stellen, ist das schon ziemlich viel – mehr als ein Newcomer wie ich eigentlich erwarten darf.

Was kommen denn für Fragen?

Die Standardfrage lautet: „Wie kommst du denn darauf?“ Die Leute schauen sich meine Bilder an und wollen als Erstes wissen, was in meinem Kopf vorgeht. Sie können sich das irgendwie nicht vorstellen. Dabei ist es ganz einfach. Manche Sachen fallen mir spontan ein, nach dem Motto: „Aahh, ich hätt’ jetzt Lust, was mit nem Fisch zu machen!“ Ich kann mich dann total auf so ein Motiv fixieren …

…und rauskommt Elvis, der statt auf einem Pferd auf einem Fisch Rodeo reitet?

Desert Rodeo / alle Prints: Nathalie Jodl

In dem Fall war’s nicht der Fisch, sondern Elvis, der zuerst da war. Ein Foto von einer Fotoplattform für lizenzfreie Bilder. und dass er auf den Fisch gekommen ist, lag mehr an seiner Pose. Es gibt da bei mir verschiedene Herangehensweisen. Manchmal lieg ich nachts im Bett und denk so vor mich hin. Plötzlich fällt mir dann was ein. Oft sind es nur Gedankenblitze. Dann mach ich das Licht dann und schreib’s auf. Oder ich träum’ mal wieder …

Du träumst?

Ich hab eine sehr ausgeprägte Traumwelt, ja! Sehr intensiv und bildhaft. Eine Zeitlang hab ich mir meine Träume sogar aufgeschrieben, hab versucht, mir das anzutrainieren, weil oft vergisst man ja, was man geträumt hat. Auf diese Weise hab ich mir meine Träume irgendwann auch wirklich merken können. An einen hab ich grad erst wieder denken müssen …

Erzähl!

Es ging drum, dass riesige Eichhörnchen die Welt an sich reißen wollten. Da wollte ich natürlich weg! Mich in Sicherheit bringen. Aber der einzige Weg, den es gab, war der über die Toilette. Man musste sich quasi selber runterspülen und landete in einer Art Parallel-Universum, einer Lavawelt, in der man gegen die Eichhörnchen Wettrennen laufen musste – und nur, wer als Erster ins Ziel kam, war safe. Die Eindrücke aus dem Traum habe ich dann in meiner Collage „Monsterhörnchen“ verarbeitet. 

Du oder ich: Monsterhörnchen

Du arbeitest hauptberuflich als Graphikdesignerin. Wenn der Brotjob deine Tagseite ist, ist die Kunst dann deine Nachtseite?

Hört sich gut an! Und stimmt auch, zumindest teilweise, denn oft setze ich mich noch an den Rechner, wenn ich nachts vom Weggehen nach Hause komm. Ich bin dann todmüde und hellwach zugleich und kann im Nachhinein oft gar nicht sagen, wie ich jetzt auf dieses oder jenes Motiv gekommen bin. Ich weiß es selber nicht.

Deine Auftragsarbeiten, zum Beispiel die Verpackungen für den Premium-Kaffee einer Regensburger Rösterei, sind sehr klar und reduziert, im Grunde arbeitest du da nur mit Schrift. War das so gewünscht?

Also, ich kann mich gut in Andere hinein versetzen, was die wollen und ich find’s spannend, gezwungen sein, etwas zu machen, was ich nicht gewohnt bin. Meine eigenen Sachen sind ja schon immer sehr detailreich und aufwändig. Umso wichtiger finde ich es zu lernen, mit weniger auszukommen. Weniger ist manchmal wirklich mehr! Und mehr würde in dem Fall nur vom Produkt ablenken. 

Das klingt sehr rational. Deine Collagen sind das Gegenteil: Hirnschalen heben ab, Augenhöhlen leuchten neonfarben, pink oder giftgrün, aus Mündern oder Hälsen quellen Blumen, das wirkt sehr …

Psychedelisch?

Ja! Ich hab mich gefragt: Was muss man einwerfen, was hat die Frau geraucht, dass solche Bilder entstehen…aber bleiben wir auf dem Boden: Hat dich schon mal jemand nach Dada und Surrealismus gefragt, nach Vorbildern für das, was du machst?

Das Stichwort Surrealismus fällt tatsächlich oft. Ich hab aber keinen konkreten Künstler, an dem ich mich orientiere oder den ich mir zum Vorbild nehme. Was mir an Collagen gefällt, ist, dass man einerseits mit realistischen Motiven arbeitet, die wirklich existieren, dass man diese Motive dann aber so zusammensetzt, dass daraus eine surreale, skurrile Welt entsteht. Für mich hätte es beispielsweise keinen so großen Reiz, den Mann nur zu zeichnen, aus dessen Hirnschale jemand Nudeln isst, weil das nimmt einem doch keiner ab. Zeichnen kann man alles! Erst dadurch, dass ich mit Fotos arbeite, kriegt das Ganze diesen realistischen Touch.

Möchtest du: irritieren, erschrecken, verstören? 

Gar nicht! In erster Linie möchte ich die Leute erheitern. Sie sollen Spaß haben mit meinen Sachen und manchmal, klar, würde ich mich auch freuen, wenn man ein bisschen nachdenkt darüber.

Da ist sehr viel Kreatürliches dabei, viel Fauna und Flora auf deinen Bildern, über die Fische haben wir schon gesprochen, es gibt auch Schmetterlinge, Giraffen, Blumen und Pilze, immer wieder Pilze …

Jetzt wird’s spannend! 

Spannend? 

Ich hab’ auch ein Pilz-Tattoo, schau (streift den Ärmel ihrer Bluse hoch) …  

Nach einem Motiv von dir?

Nein, das ist von Magda Hanke, einer Tätowiererin aus Hamburg.

Du findest Pilze toll?

Auch Schmetterlinge! Ich hab auch ein Schmetterlingstattoo…

Als Mitteilung an dich selbst oder an Andere?

Beides! Tattoos haben für mich eine eigene, ästhetische Qualität, sind auch Kunst, und ein Tattoo auf der Haut ist quasi ein lebendes Kunstwerk.

Steckt eigentlich in der Feier des Natürlichen bei dir auch eine politische Botschaft? Beschäftigt dich unser Umgang mit der Natur?

Ich denke, das gehört heute auf jeden Fall dazu! Ohne geht es nicht. Wie viele junge Leute in meinem Alter setze auch ich mich mit den Fragen von Umwelt und Klima auseinander. Ich versuch mich im Alltag zu disziplinieren, etwa bei der Müllvermeidung. Aber ich gehe nicht auf Fridays for Future-Demos. Bin keine Aktivistin.

Man kann viel in deine Bilder hineinlesen: Die Manager in Anzug und  Krawatte mit dem Fliegenpilz-Kopf („Pilzkopf“) zum Beispiel könnte man als Kapitalismuskritik verstehen. „Wüstengalaxie“ mit dem auf einem fernen Planeten herumtapernden Astronauten als Warnung vor einem Neokolonialismus im All. 

Pilzkopf: Könnte Kapitalismuskritik sein, muss aber nicht

So weit denke ich nicht, ehrlich gesagt. Aber das heißt nicht, dass ich einen solchen Blick auf meine Arbeiten nicht interessant fände! Ich meine: Vielleicht gebe ich meinen Bildern ja unbewusst Botschaften mit und sie wirken damit bewusster als ich sie im jeweiligen Moment gedacht habe.

Wüstengalaxie: Jeff Bezos? Elon Musk? Weltraumtourismus? Neokolonialismus?

Deine Arbeiten entstehen am PC, das heißt, es handelt sich um digitale Kunst. Für die Präsentation in deiner ersten Ausstellung aber hast du sie auf Papier ausgedruckt und damit ins Analoge zurückgeholt. Warum?

Ich bin da sehr gespalten! Gerade zum Beispiel hab ich mir bei ebay einen Stapel Zeitschriften aus den 80er- und 90er-Jahren besorgt, weil es mir auch mal wieder gefallen würde, Motive mit der Hand auszuschneiden. Die Arbeit wird dadurch eine Spur weniger kalkulierbar, du musst mit dem Material, das du hast, auskommen, kannst nicht im Internet weiter nach passenden Motiven suchen, die du vielleicht gern noch hättest. Eine Collage, die so entsteht, kannst du anfassen, die hat eine Struktur, die gibt es so nur einmal. Andererseits hat das Digitale gerade für Leute wie mich eine Menge Vorteile: Es gibt mir die Möglichkeit, meine Sachen mehr zu spreaden, also besser zu verteilen. Gleichzeitig wächst aber auch die Gefahr, dass man in der Masse untergeht. Und was die Ausdrucke betrifft …

Ja?

Ich find’s einfach wundervoll, mir vorzustellen, dass Leute mit einem Bild von mir im Alltag leben, dass sie es sich daheim an die Wand hängen! Das gibt mir so viel mehr, als wenn sich jemand dasselbe Bild einfach so aufs Handy lädt…

Nathalie Jodl, geboren 1994, aufgewachsen im Landkreis Cham/ Furth im Wald, hat schon in der Grundschule ihren ersten Malwettbewerb gewonnen. Sie hat Industrie- und Grafikdesign in Regensburg und Hamburg studiert und arbeitet als freie Grafikerin und Illustratorin. In ihren Collagen und Digital Art-Pieces lebt sie ihre künstlerische Seite aus.