Mit Filmen wie „Eastern“ und TV-Serien wie „Mörderinnen“ ist die Schauspielerin Maja Pankiewicz, 32, im konservativen Polen zum Role Model im Kampf gegen das Patriarchat geworden. Wie sie tickt, wofür sie steht und warum ihr Figuren wie die Polizistin Karolina Keller aus „Mörderinnen“ so wichtig sind: Ein Porträt

Willkommen in der Manosphere, bei der Kripo in Warschau, in einer Bruchbude von Kneipe, wo völlig klar ist, wer hier das Sagen hat, und wo es im Grunde nur um zwei Dinge geht, nämlich a) möglichst schnell einen gewissen Alkoholpegel zu erreichen und b) Kolleginnen, die hier abhängen, um die zum Teil traumatischen Erlebnisse des Tages zu verarbeiten, auf die Pelle zu rücken.

Die Anmache ist dementsprechend rabiat. Aber Konsequenzen muss hier keiner fürchten. Also: Bauen sie sich vor dir auf. Stellen sich dir in den Weg. Atmen dir ihren Pesthauch aus Alkohol, Nikotin und Magensäure ins Gesicht und reden nicht lange drum herum: „Gehen wir zu mir oder zu dir?“ „Du bist neu hier, oder?“ „Ist dein Märchenprinz nicht gekommen? Sein Pferd ist ihm wohl verreckt?“

Noch dümmer, noch distanzloser geht hier immer. Und das ist nicht die feministisch grundierte Erfindung irgendeines daher gelaufenen, „woken“ Regie-Jüngelchens. Es ist die Realität.

„Sie behaupten natürlich, dass es bei der Polizei völlig partnerschaftlich zugeht“, sagt Maja Pankiewicz, die in „Mörderinnen“ eine Streifenpolizistin spielt und dafür auch mit echten Polizistinnen gesprochen hat. Allerdings war bei den Treffen immer ein (männlicher) Vorgesetzter dabei: „Die Frauen konnten also nicht frei reden.“

Ihren ursprünglichen Plan, ein paar Tage mit den Polizistinnen zu verbringen, um sich einen Eindruck vom Alltag auf dem Revier zu verschaffen, hatte Pankiewicz schon vorher aufgeben müssen – angeblich aus Zeitgründen. Vielleicht hat der zuständige Beamte auch das Drehbuch gelesen und die Notbremse gezogen. Aber machen wir uns nichts vor.

„Mörderinnen“ könnte auch bei uns spielen, denn toxische Männlichkeit bestimmt zunehmend auch den Alltag von Frauen in Deutschland. Die Zahl der (angezeigten) Vergewaltigungen wie auch der Sexualdelikte insgesamt ist signifikant gestiegen. Gleichzeitig ist das Thema geschlechtsspezifische Gewalt – also der Gewalt, die Frauen erfahren, weil sie Frauen sind – immer noch stark unterbelichtet. Catcalling, Cyberstalking, Deepfakes oder auch häusliche Gewalt kommen im deutschen Strafrecht nicht vor. Einen Tatbestand des Femizids gibt es nicht, obwohl in Deutschland fast jeden Tag eine Frau von einem Mann umgebracht wird. Das ist diskriminierend. Und die darunter liegenden, patriarchalen Denkmuster sind im erzkatholischen, ultrakonservativen Polen nur stärker ausgeprägt.

Polen ist ein weltanschaulich gespaltenes Land. Ein Land, das die Wahl eines Liberalen zum Premier damit beantwortet, dass es ihm einen Netzwerker mit Verbindungen in die rechtsextreme Szene als Präsidenten vor die Nase setzt, der dieselbe rückwärts gewandte Politik wieder betreibt, die man eigentlich loswerden wollte. Das muss man nicht verstehen. Aber: Es erklärt die Sehnsucht nach Systemsprenger:innen, wie Maja Pankiewicz sie in ihren Filmen verkörpert.

„Eastern“ zum Beispiel, das Kinodebüt der in Krakau geborenen und in Warschau lebenden Schauspielerin, platzte 2019 mitten hinein in die von 2015 bis 2023 dauernde Regierungszeit der rechtspopulistischen, nationalistischen Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS). Regisseur Piotr Adamski reagiert darin, kaum verschlüsselt, auf die politischen Verwerfungen in Polen unter Jaroslaw Kaczyński  – die Umcodierung einer offenen Gesellschaft in eine illiberale Demokratie, die Werteverschiebung weg von der Aufklärung hin zur Antimoderne mit ihrem steinzeitlichen Rollenverständnis und konservativen Familienbild.

Sein Entsetzen goss Adamski damals in einen Film, der formal und stilistisch ans klassische Drama erinnert: Maja Pankiewicz ist Ewa Nowak, die die Familienehre verteidigen soll, nachdem ihr Bruder im Rahmen einer Vendetta von Klara, einer Tochter des mit den Nowaks verfeindeten Kowalski-Clans, getötet worden ist. Die Konstellation, dass hier junge Frauen die Drecksarbeit für die Männer machen sollen, die im Hintergrund um Macht und Einfluss ringen, ist doppelt infam. Und zeigt vor allem eins: Dass ihr Leben nichts zählt.

Dass „Eastern“ so archaisch daherkommt, soll uns zu denken geben. Dafür lässt Adamski uns aber auch nicht mit leeren Händen gehen. Seine Drahtzieher im Film haben die Rechnung ohne Ewa und Klara gemacht: Als sich die beiden, nach langer Verfolgungsjagd, schließlich gegenüber stehen, bringen sie einander nicht um. Sondern schließen einen Pakt. Und brechen mit dem „Ehrenkodex“ ihrer Familien.

When Klara meets Ewa: Drecksarbeit für Männer, die um Macht und Einfluss ringen?

War „Eastern“ als Wachmacher gedacht, kann „Mörderinnen“ von 2023 als Bestandsaufnahme gelesen werden. Als Psychogramm einer Gesellschaft, die sich mit der Abwahl der PiS eine Atempause verschafft hat, aber sehr wohl ahnt, dass es das noch nicht war. Dazu passt, dass die Hauptfigur der Karolina Keller hier erst ihr Verhältnis zum Vater klären muss, um zu erkennen, was mit ihr los ist – und um sie herum.

„Eine innere Reise in ihre Kindheitstraumata“, nennt Darstellerin Maja Pankiewicz die Mission der Karolina: „Sie muss sich der Wahrheit über sich selbst und die Beziehungen in der Familie stellen, wodurch sich (auch) ihre Wahrnehmung der Welt verändert.“

Wie schmerzhaft das wird, zeigt schon die schwer erträgliche Eingangssequenz: Wir sehen Karolina als Kind, ein kleines Mädchen zwischen acht und zehn, wie sie sich luftschnappend, aber sichtlich stolz aus eigener Kraft am Steg aus einem See zieht. Und wir sehen ihren Vater, Grzegorz, der sie wieder und wieder mit einem sadistisch anmutenden Lächeln zurück ins Wasser stößt: „Nochmal! Nochmal…!“

Ob und inwieweit hier Grenzen überschritten werden, was hier noch als Erziehung zur Härte durchgeht und was schon als Missbrauch elterlicher Gewalt (sic!) angesehen werden muss, ist die Frage. Klarer wird das, als die Flashbacks kommen und die (erwachsene) Karolina überwältigt von Erinnerungen in eine Art Schockzustand verfällt. Ihr Verhältnis zum Vater bleibt trotzdem widersprüchlich – und das ist nur eine von vielen Täter-Opfer-Verstrickungen, mit denen Regisseur Kristoffer Rus uns in seinem Film konfrontiert.

50 (!) Tage dauerte allein der Dreh. Danach sei sie psychisch und physisch erschöpft gewesen, sagt Maja Pankiewicz. Sie hatte viel in das Projekt investiert, war gerannt, geschwommen, getaucht, war im Gym gewesen und hatte Krafttraining gemacht, um die Rolle der ebenso taffen wie disparaten Einzelkämpferin glaubhaft spielen zu können. Aber das war nicht das Ding. Sie macht auch sonst viel Sport. Mag das. Liebt das.

Echt fordernd sei dagegen die Arbeit mit der Psychologin, Therapeutin, Regisseurin und Schauspielerin Agnieszka Glinska gewesen: „Zusammen mit Kris Rus haben wir die Figur der Karolina von Anfang bis Ende gemeinsam aufgebaut.“ Glinska selbst spielt im Film eine Polizeipsychologin. Das gab den Beteiligten Sicherheit. Ein Zutrauen ins eigene Tun angesichts der Fallhöhe der Aufgabe. Denn „Mörder:innen“ ist hard stuff. Gleichzeitig zieht sich unter der Oberfläche des angeblichen Thrillers – und dem Branding als „Nordic Noir aus Warschau“ – eine fast metaphysische Sehnsucht nach Erlösung durch den Film.

TV-Serie „Mörderinnen“: Fast metaphysische Sehnsucht nach Erlösung

20 Jahre nach dem Vorfall am See ist Karolina immer noch nicht fertig mit Grzegorz. Steckt fest in einer kafkaesken Situation, denn Grzegorz ist verschwunden und alle, die etwas wissen könnten, winken ab. Fotos des einstigen Top-Ermittlers der Abteilung Organisierte Kriminalität der Warschauer Kripo hängen dort überall, in den Büros und auf den Fluren. Er gilt als Legende. Sie reden fast ehrfürchtig über ihn. Aber: Keiner weiß oder will wissen, was mit ihm passiert ist. Keiner fragt nach ihm. Niemand sucht ihn.

Außer: Karolina.

Wie viele klassische Filmheld:innen kommt sie für uns quasi aus dem Nichts: Ihre Legende ist löcherig, das Wenige, was man nach und nach über sie erfährt, problematisch: Erst hat sie die Schule geschmissen. Dann eine Karriere als Schwimmerin. Dann ist sie von zu Hause abgehauen. Wir sehen sie in einer Wohnung (Einraum, groß, unrenoviert, Matratze am Boden, sonst nicht viel), in der sie sich verliert. Wann und wie sie selbst zur Polizei gekommen ist? Wer da warum welche Strippen gezogen hat und das, womöglich, längst bereut? Kann man nur erahnen. 

„Keller“, wie ihre Kolleg:innen sie nennen, wirkt manchmal wie ein Geist, manchmal wie ein Racheengel – wenn sie mit Grzegorz’ Wagen, einem monströsen, schwarzen Pick up, dem Polizeipräsidenten den Weg abschneidet, um an Informationen über den Verbleib des Vaters zu kommen – die sich dann aber nicht verifizieren lassen und genauso gut falsch sein können: „Hamburg. Er soll in Hamburg gesehen worden sein. In der Nähe des Hafens …“ Zuhause schaut sie in ausdruckslose Gesichter: Die komplett in sich verkapselte Mutter bleibt: Stumm. Die Schwester will mit Rücksicht auf die Mutter nicht über den Vater reden – schon gar nicht an deren Geburtstag.

Und dann steht die Streifenpolizistin Karolina Keller eines Tages im Plattenbau – prekäres Umfeld, schwer aushaltbare Lebensbedingungen, irgendwo in den Banlieues von Warschau – vor ihrer ersten Leiche und schaut in einen Abgrund aus häuslicher Gewalt, Drogen, Prostitution und Menschenhandel. Der Tote, grauenhaft zugerichtet, war bekannt für seine perversen Partys. Bei ihm bekam man alles. Nur Empathie war ihm fremd.  Das und sein Geld, das er damit verdiente, vielleicht auch andersherum, hat ihn das Leben gekostet – nicht ausgeschlossen, dass er bezahlen dafür musste, was er dem Täter/ der Täterin angetan hat.

So nähert sich „Mörderinnen“ seinem Thema – langsam, quälend, die volle (und bewusste) Zumutung für alle, die Gewalt gegen Frauen für ein überwertetes, wenn nicht gar erfundenes Modethema halten, bei dem es vor allem darum geht, Männer zu stigmatisieren.

Kristoffer Rus und sein Team haben diese Perspektive umgedreht: „Mörderinnen“, sagt Maja Pankiewicz, basiert lose auf der in Polen heiß umstrittenen Interviewsammlung „Polskie morderczynie“ der polnischen Autorin Katarzyna Bonda. Bonda hat mit Frauen gesprochen, die sich schwerster Verbrechen schuldig gemacht haben und deshalb auch verurteilt worden sind: „Herauskam, dass Frauen töten, weil sie keinen anderen Ausweg sehen. Die meisten von ihnen sind Opfer häuslicher Gewalt und stammen aus problematischen, pathologischen Umfeldern.“ 

„Männer haben Glück, dass Frauen keine Vergeltung wollen“, sagte Luise Neubauer, Klimaaktivistin und Stalking-Opfer, Ende März in Berlin auf einer Demonstration gegen sexualisierte Gewalt.

Aber der Grat ist schmal.

„Du trägst es auch in dir“, sagt Jagoda, eine junge Frau, die ihr Leben lang von ihrem Vater missbraucht und an Andere verkauft worden ist und jetzt auf ihren Prozess wegen Mordes wartet, zu Karolina.

Karolina: Explodiert. In. Einem. Schrei.

„Immer mehr Angebote, starke, unabhängige Frauen zu spielen“: Maja Pankiewicz als Karolina Keller in „Mörderinnen“ © paprika studios polen
Die Serie "Mörderinnen" ist zur Zeit und noch bis 5. Juni in der arte mediathek zu sehen