Sie haben darüber geredet, ob sie mit einem eigenen Spitzenkandidaten in die Kommunalwahl im März 2026 gehen sollen, Aber, hey: Es ist Die Linke! Die nach Wagenknecht. Die mit den jungen, frischen Gesichtern, deren Mitgliederzahl in Regensburg sich in den letzten beiden Jahren vervierfacht hat. Also haben sie sich – einstimmig! – darauf verständigt, Sebastian Wanner ins OB-Rennen zu schicken. Der 23-Jährige arbeitet als Vermittler bei der Agentur für Arbeit. Sein Credo: „Mit Ideen und Idealen. Für Menschen.“ Das Gespräch

#1 BEST OF GERMANY

Hallo Sebastian, machen wir ein kurzes Warming up, Best of Germany, zur Lage der Nation? 

Sebastian Wanner: Gern (lacht)!

Der deutschen Rüstungsindustrie geht’s Bombe, die Einnahmen aus Waffengeschäften explodieren, Bundeswirtschaftsministerin Reiche sieht darin „eine wirtschaftliche Chance“. Du auch?

Nein! Eine Studie der Wirtschaftswissenschaftler Tom Krebs und Patrick Kaczmarczyk von der Uni Mannheim („Rüstung ohne Rendite“) zeigt, dass jeder Euro, der in die Rüstung geht, nur 0,5 Euro an Mehrwert gesellschaftlich bringt. Investitionen in Bildung dagegen bringen zwei Euro oder mehr. Schon rein zahlenmäßig ist das also keine wirkliche „Chance“. Und am Ende kann eben mit einer Schule, einer Bildungseinrichtung, einer Kultureinrichtung mehr Wert auch immateriell geschaffen werden als mit einem Panzer oder einer Waffe. Denn die sind einfach nur zum Stehen und Schießen da.

Beim Streit ums Rentenpaket konnte sich Friedrich Merz seiner eigenen Partei (mal wieder) nicht sicher sein. Im Zweifel hätte er auch die Stimmen der Linken genommen, mit der er sonst bekanntlich ja nicht redet. Wie verdruckst ist das denn?

Es ist schon sehr komisch! Aus unserer Sicht, denke ich, war’s richtig, die über 20, 21 Millionen Menschen, um die es in diesem Rentenpaket ging, nicht schlechter zu stellen. Es war einfach die beste der schlechtesten Optionen, sich zu enthalten (was Merz im Fall der Fälle zur Mehrheit verholfen hätte, Anm.d.Red.) – auch weil’s keine gute Option gab. Dass Friedrich Merz es nicht schafft, sich in seiner eigenen Partei durchzusetzen, hätte ich ehrlich gesagt nicht gedacht, wenn man sieht, wie die Junge Union ihm vor zwei Jahren noch nachgelaufen ist. Wie einst die Jünger Jesus! Aber es zeigt: Der eigentliche „Klempner der Macht“, wie er das mal ausgedrückt hat, ist er selbst. Tatsächlich ist der Konflikt bei der Rente ja auch keiner zwischen Jung und Alt, sondern zwischen Oben und Unten – und den macht er nicht auf. 

Die Nachwuchsorganisation der AfD, früher: „Junge Alternative“ firmiert jetzt als „Generation Deutschland“ – unter dem Dach der Partei und mit der Pointe, dass der Verfassungsschutz ihren neuen Chef als rechtsextrem eingestuft hat. Kann es sein, dass hier jemand ums Parteiverbot bettelt?

Das glaube ich nicht! Sie schützen sich ja dadurch eher institutionell vor einem Verbot, weil eine Partei nicht so leicht verboten werden kann wie ein Verein – und selbst das klappt nicht immer, wie die damalige Bundesinnenministerin Nancy Faeser letzten Sommer feststellen musste, als sie das rechte „Compact“-Magazin verbieten lassen wollte. Klar: Inhaltlich und programmatisch bettelt die AfD eigentlich schon seit Jahren ums Verbot. Aber: In der AfD sind nicht nur dumme Menschen! Die wissen genau, wie weit man in einem demokratischen Rechtsstaat gehen kann, um nicht verboten zu werden. Allerdings geben sie mit der „Generation Deutschland“ und einem Rechtsextremen an der Spitze schon auch eine klare Richtung vor.

Der Armutsforscher Christoph Butterwege hält den neuen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung für Fake News. Das Statistische Bundesamt habe gar keine Daten über Reichtum. Zitat: „Man weiß zwar, wieviele Bergziegen und Zwerghasen es in Deutschland gibt, aber nicht, wieviele Reiche und Hyperreiche!“ Sollen wir jetzt das ManagerMagazin lesen?

Das hat er neulich in der taz, glaube ich, ja auch vorgeschlagen. Aber, nee! Was wir brauchen, ist eine Vermögenssteuer und eine nicht so löchrige Erbschaftssteuer. Aktuell wissen wir zwar genau, was die Menschen haben, mit denen ich im Jobcenter zusammenarbeite die im Jobcenter Leistungen beziehen, viele arbeitslos oder nahezu alle arbeitslos. Aber wir wissen überhaupt nicht, was reiche Menschen haben. Dabei sollten ja in einer Gesellschaft alle erst einmal gleich sein und vom Staat gleich behandelt werden. Mit einer Vermögenssteuer könnten wir die erforderlichen Daten erheben. Dann wüssten wir auch, wie die Vermögensungleichheit wirklich aussieht.  

Immerhin: Bärbel Bas, Bundesministerin für Arbeit und Soziales und SPD-Genossin, ist mal wieder bewusst geworden, „wo die Linien in diesem Land wirklich verlaufen“, sagte sie nach einem Auftritt beim Arbeitgebertag, auf einem Juso-Kongress. Nämlich: „Nicht zwischen Jung und Alt, sondern zwischen Arm und Reich, zwischen denen, die Sicherheit brauchen und denen, die sie für verhandelbar halten“. Hast du schon gratuliert?

Naja, die Frage für mich ist eher, ob sie das auf einem anderen Kongress als dem Juso-Kongress auch so ausgedrückt hätte! Ich glaube nicht. Und am Ende sagen Taten halt mehr als Worte. Bärbel Bas gibt sich zwar sehr klassenkämpferisch und ihrer Vita nach sollte das auch so sein. Aber wenn ich sehe, was sie in dieser Koalition alles mit trägt, nehme ich es ihr nicht ab.

#2 LUST AUF LINKS? 

Trotzdem: Kann es sein, dass genuin linke Themen wie soziale Gerechtigkeit gerade so was wie eine Renaissance erleben?

Das glaube ich schon, ja! Die Agenda 2010 war furchtbar. Aber man konnte den Menschen damit lange vorgaukeln, dass es Arbeit schafft; und was Arbeit schafft, schafft Wohlstand und irgendwann Reichtum. Das war die Erzählung. Dass es nie funktioniert hat und nur dazu geführt hat, dass ein riesiger Niedriglohnsektor entstanden ist, war keine Überraschung. Das wusste man. Das hat man damals schon prophezeit. Aber man hat es den Leuten als sozialen Aufstieg verkauft und gesagt: Wenn ihr euch nur genügend reinhängt, steigt ihr auf, dann werdet ihr reich und dann habt auch ihr euer Haus. Jetzt wird den Menschen klar: Wir haben jetzt hier x-Jahre Sozialstaatskürzungen hinter uns! Und sie begehren wieder auf. Die letzten Jahrzehnte, glaube ich, haben sich Viele von Versprechen blenden lassen. Allmählich wachen sie auf. Und deswegen erleben diese Themen gerade wieder eine Renaissance. In Wahrheit waren sie nie weg.

Interessant finde ich, wo da überall gerade Bewegung drin ist: Die Grünen zum Beispiel wollen das Neun Euro-Ticket zurück und fordern eine Extra-Steuer für Privat- und Luxusflüge, eine Zwangsabgabe aus den Gewinnen fossiler Konzerne und die Neuauflage eines Mietendeckels …

Der letzte wählbare Grüne war für mich Hans-Christian Ströbele (lacht)! Ich finde auch noch Jette Nietzard toll, die ehemalige Grüne Jugend-Sprecherin, die ja eher einen linken Populismus betreibt. Aber sonst? Die Grünen sind immer die Ersten, die progressive Sachen fordern – und die Ersten, die sie wieder über Bord werfen, wenn’s irgendwann doch um ein paar Dienstwagen und Regierungsposten geht. Da bin ich mal gespannt, inwieweit die Grünen-Basis sich da jetzt durchsetzen kann.

Schwarz-Rot adaptiert sogar die alte Habeck-Idee, wonach auch Kapitalerträge wie Dividenden, Zinsen, Mieteinnahmen in die Sozialversicherungspflicht einbezogen werden könnten. Alles nur Show?

Ich glaube, selbst dieser Regierung wird langsam bewusst, dass es so, wie’s ist, nicht weitergehen kann. Also werden sie versuchen, den Kapitalismus mit minimalen Änderungen zu retten und fortzuführen. Robert Habeck hat im letzten Wahlkampf sicher zu Recht auch viel Kritik abbekommen. Aber dass man ihn damals wegen exakt der Punkte gescholten hat, die man jetzt umsetzen will, ist schon absurd. Schwarz-Rot und speziell die CDU ist in diesem Wahlkampf einfach einen stark rechtspopulistischen Kurs gefahren. Das Problem ist nur: Auch wenn man einen derart surrealen Wahlkampf der totalen Versprechen führt, wacht man danach in der Realität wieder auf. 

#3 ES KANN NUR EINE GEBEN

Du bist 2021 in Die Linke eingetreten. Eine andere Partei wäre für dich nicht in Frage gekommen?

Nein. Ich bin damals glaube ich im November eingetreten, das muss kurz nach der Bundestagswahl gewesen sein, am 11.11. oder so, und ich war einfach total ernüchtert – von der SPD, die schon wieder in eine GroKo ging, von den Grünen, die sich immer weiter von den Ideen und Idealen der Gründungs- und Basis-Grünen entfernten. Und ich? War Sozialist und bin es noch. Und da kommt nur die Linkspartei in Frage. 

Die Linke war damals in einem erbarmungswürdigen Zustand. Sahra Wagenknecht spielte mit ihr und sorgte dafür, dass sich die Partei sowohl personell wie auch inhaltlich und strategisch auf nichts und niemanden mehr wirklich einigen konnte. Hat dich das nicht abgeschreckt?

Ganz im Gegenteil! Das hat mich angespornt. Ich dachte: Da muss man doch jetzt gegenhalten! Diese Linkspartei ist doch viel zu wertvoll als dass man sie aufgibt! Die einzige sozialistische Partei, die wir haben, die wirklich als Opposition auch permanent auftreten will und kann und eine Alternative zum System Kapitalismus darstellt, die kann man doch nicht den Bach runtergehen lassen …

Wie hat sich der Knatsch ganz oben auf die Arbeit an der Basis ausgewirkt?

Man hat es vor allem an den Mitgliederzahlen gemerkt. Viele Menschen, die sich das eigentlich gut hätten vorstellen können, sind damals wegen Wagenknecht bewusst nicht in die Partei eingetreten. Ein Problem war auch, dass die Linkspartei damals Beschlüsse gefasst hat und die waren noch nicht mal fix, da wurden sie schon in Frage gestellt. Ich glaube, an der Basis, in der ländlichen Oberpfalz, wo ich damals aktiv war, hat sich’s gar nicht so sehr ausgewirkt, wir haben vor allem die Partei am Leben gehalten und eben versucht, lokal gegen Sozialkürzungen und Sparhaushalte zu kämpfen. Insgesamt aber hat vor allem die Debattenkultur in der Partei damals schwer gelitten. Man konnte am Ende des Tages keine Position finden, wo Personen gesagt haben: „Es ist nicht meine Position, aber ich kann mich dahinter stellen und diesen Kompromiss annehmen“. Und das glaube ich, war die größte Auswirkung – dass es normal wurde, über Beschlüsse permanent zu streiten und sie ständig in Frage zu stellen. 

Wann hast du zum ersten Mal gespürt, dass in der notwendigen Erneuerung nach dem Abgang von Sahra auch eine Chance liegen könnte?

Als es plötzlich diese vielen Neueintritte gab: Die erste Welle nach der Ankündigung von Sahra, eine neue Partei gründen zu wollen. Die war zwar lang nicht so groß wie die Anfang 2025, aber man hat gespürt, dass sich was tut, auch in der ländlichen Oberpfalz, wo ich Kreissprecher war zum damaligen Zeitpunkt. Da sind plötzlich so viele Menschen eingetreten wie nie, vor allem auch junge Leute, die gesagt haben: „Endlich ist dieser Ballast weg!“ 

Die Abnabelung der Partei von ihrer Über-Mutter war auch in Regensburg mit einer personellen Neuaufstellung verbunden, Stichwort: Irmgard Freihoffer, die 2024 von der Linken ins BSW wechselte. Wie hast du diese Zeit des Umbruchs erlebt?

Ich sag mal so: Nicht jeder Abgang ist ein Verlust! Wir haben mit ihr Ressourcen verloren, Erfahrung, strukturelles Wissen, wir haben das Stadtratsmandat verloren und auch den Kreisrat und Gemeinderat in Sinzing, weil man nicht sehen wollte, dass das Mandat halt der Partei und nicht der Person zusteht. Das war ein schwieriger Prozess. Aber der Austausch vorher war jetzt auch nicht so eng, muss man ehrlicherweise sagen. Unterm Strich hat der Break uns eher gut getan. 

Die neue Regensburger Linke zeigt ein erfrischend junges Gesicht – der Muff, den in die Jahre gekommene Parteien gerade auf kommunaler Ebene oft verströmen, ist komplett weg. Wie habt ihr das gemacht?

Es ist auf jeden Fall eine Folge dessen, dass so viele junge Aktive eingetreten sind. Trotzdem oder gerade deshalb haben wir natürlich auch weiterhin intern Diskussionen. Wir haben Meinungsverschiedenheiten, wie wir zu bestimmten Themen stehen. Insgesamt aber erlebe ich eine Konstruktivität, wie ich sie so in der Partei nie erlebt habe. Man versucht wirklich, sich zu finden.

Wieviele Mitglieder hat Die Linke in Regensburg aktuell, wieviele davon sind Neueintritte?

Mein letzter Stand war über 450 Mitglieder. Und Neueintritte? Ich weiß, dass wir Anfang 2023 einen Mitgliederstamm im niedrigen dreistelligen oder hohen zweistelligen Bereich hatten. Das heißt, auf zwei Jahre hat man sich ungefähr vervierfacht. 

Du hast mit 23 schon drei Wahlkämpfe hinter dir: 2023 als Bezirkstagskandidat für Die Linke Bayern. 2024 auf der Liste des Landesverbands zur Europawahl. 2025 als Spitzenkandidat der Regensburger Linken für die Wahl zum Bundestag. Das klingt nach einer (Partei-)Karriere im Schnelldurchlauf! Oder siehst das nur so aus?

Also ich kann mich nicht gut auf meine Hand setzen und sagen, ich mach’s nicht (lacht)! Aber es war gar nicht so der Schnelldurchlauf, sondern hat sich für mich mehr organisch ergeben. Ich wollte das auch. Und man darf nicht vergessen: Ich hatte zwar keine parlamentarische Erfahrung, aber ich war Schülersprecher, ich war in der Gewerkschaft aktiv, ich war an meiner Hochschule in der Studierendenvertretung, ich hab immer schon in dem politischen Rahmen, der mir möglich war, gearbeitet, ich war auch in Vereinen aktiv, ich war Schiedsrichter, was auch Kompetenzen erfordert und mit sich bringt, die ich heute wieder brauchen kann. Für mich hat sich das nicht nach Schnelldurchlauf angefühlt, weil ich im Grunde, seit ich elf, zwölf Jahre alt bin, ein politischer Mensch bin. Dazu kommt, dass grade die Linkspartei eine Partei ist, die jungen Leuten auch was zutraut und sie in die Lage versetzt, ihre Vorstellungen umzusetzen.

#4 CHANGES

Du bist im Juli einstimmig zum OB-Kandidaten der Linken für die Kommunalwahl 2026 gewählt worden, stehst auch auf der Liste auf eins. Das heißt: Du hast beste Aussichten auf ein Mandat im Stadtrat und wenn der Aufwärtstrend der Linken anhält, sind noch mehr Mandate drin. Könnte/ würde das die Politik in Regensburg verändern und wenn ja, wie?

Ich glaube schon. Erstmal würden wir, denke ich, vieles entstauben. Routinen hinterfragen. Wir haben auch ein echtes soziales Gewissen, was vielen anderen Parteien mittlerweile abgeht: den Sozialfonds, den Laura-Ann Neumann und ich maßgeblich mit vorantreiben, in den wir Teile unserer Aufwandsentschädigung geben; die Sozialsprechstunden, die wir anbieten, bei welchen man freitags zwischen 16 und 18 Uhr einfach vorbeikommen kann, ohne wie bei anderen Parteien erst lang telefonieren zu müssen; und dass wir uns immer fragen werden: Wie sozial ist das eigentlich, was da gerade beschlossen wird? Und inwiefern bringt es Regensburg voran?

Du hast dir den parlamentarischen Betrieb im Stadtrat schon mal angeschaut, hast du erzählt. Was war dein Eindruck?

Ich fand das Prozedere überraschend intransparent! Es wird ja vorher quasi schon vereinbart, was man abstimmt. Es wird vorher schon verhandelt wie in jedem Parlament. Aber ich habe das Gefühl, dass hier – bis auf Jakob Friedl –  jemand fehlt, der einfach im Plenum noch mal eine Frage stellt, der Themen noch mal aufmacht, Andere vielleicht auch mal stört. Also, mir ist das zu intransparent, auch was die Sitzungsleitung angeht: Manches winkt man einfach durch und für den Souverän ist nicht erkennbar, worum es eigentlich geht. Das Ganze wirkte auf mich sehr routiniert. Alle kannten sich, alle waren gut miteinander. Ich hatte nie das Gefühl, dass man wirklich auch mal Unterschiede sucht – und da würde ich gern rein. Ich will jetzt nicht mit allen Streit anfangen. Aber die Frage ist für mich schon, warum dieses Prozedere auf externe Beobachter:innen so wirkt, als würden da eh alle gemeinsam ihr Ding machen, ohne dass irgendwelche klaren Linien oder auch Konfliktlinien zu erkennen wären. 

Ich bezweifle ja, ob sich in einer zersplitterten Parteienlandschaft wie in Regensburg, mit Protagonist:innen, die einander zum Teil seit Jahren in herzlicher Abneigung verbunden sind – wirklich Wegweisendes bewerkstelligen lässt. Du als OB-Kandidat solltest natürlich dran glauben.

Da sind schon Gräben. Aber mein Gefühl ist, dass die Austragung dieser Differenzen einfach eingeschlafen ist. Joachim Wolbergs von der Brücke hat neulich im Bildungsausschuss, in einer Sitzung, in der ich dabei war, einen der wenigen Momente geliefert, wo ich das Gefühl hatte, da wird jetzt wirklich diskutiert. Thema war die Umbenennung der Von der Tann- in Elly Maldaque-Schule. Und Wolbergs hat dabei, überspitzt gesagt, alles links der Mitte gegenüber der CSU in Schutz genommen und verteidigt. Genau das würde ich mir wünschen: Dass man spürt, Stadträt:innen sitzen für Ideale, für Menschen da drin, sind zwar kompromiss-, aber auch dialog- und streitbereit.

Das wär schön, ja! Ausgerechnet ein Papier der BAG Bewegungslinke hat mich dann aber in meinem Zweifel noch mal bestätigt (Zitat): „Bislang ist das Parteileben stark auf Wahlen und Parlamentsarbeit ausgerichtet. Selbst die Arbeit der Basis ist oft davon geprägt. Aber Sitzungs- und Gremiensozialismus führen selten zur praktischen und organisierenden Arbeit, die für eine sozialistische Partei so wichtig ist“. Sind das nur theoretische Überlegungen und wenn nein: Welche Schlussfolgerungen für die tägliche politische Arbeit ergeben sich daraus?

Also natürlich ist Theorie der Grund, aus dem heraus Praxis erfolgen muss. Aber wir haben im Moment, glaube ich, mehr Leute im Kreisverband, die Marx verinnerlicht als gelesen haben, die jetzt schon sozialistische Praxis umsetzen, ohne mit dem Finger auf die entsprechende Stelle im „Kapital“ zu zeigen. Die Bewegungslinken haben da sicherlich etwas Richtiges formuliert – und in Regensburg setzen wir das auch genauso um mit monatlichen Aktiven-Treffen, mit ganz vielen Arbeitsgruppen und Arbeitskreisen, mit der Sozialsprechstunde, mit den Haustürgesprächen, und wenn ich es in den Stadtrat schaffe, werde ich nicht beim Empfang der Bauträger:innen sein, sondern bei den Sozialen Initiativen. Ich werde weiter hier in der Sprechstunde sein. Und sollte ich Oberbürgermeister werden, mache ich das genauso weiter. 

Mit Ronja Künkler und Simon Lachner stehen zwei Kandidat:innen auf eurer Liste, die man bisher vor allem aus aktivistischen Zusammenhängen kannte (Letzte Generation). Das ist kein Zufall, nehme ich an?

Nein, wir haben auf unserer Liste auch noch weiter vorn Leute, die aus dem Aktivismus kommen wie Sebastian Mederer (Letzte Generation), die Feministin und Antifaschistin Cassandra Andraschko oder Jonathan Brune (Antifa). Was uns eint, ist das Interesse, eine linke Bewegung aufzubauen. Das gehört einfach zum Selbstverständnis dieser Partei. Und zu Ronja und Simon kann ich nur sagen, ich find’s toll, was die machen, was die organisieren. Man darf und muss über Aktionsformen reden. Aber beide sind einfach integre Persönlichkeiten und ich bin froh, dass die handeln anstatt nur zu reden.

Ihr habt zuletzt mit 20 Mitgliedern der Linken Regensburg und weiteren Hundert Regensburger Antifaschist:innen nach Gießen zur Gründungsversammlung der „Generation Deutschland“ mobilisiert. Das muss man erst mal schaffen. Das ist schon ne enorme Power! Trotzdem die Frage: Könnte es sein, dass das mit Sachpolitik und Aktivismus irgendwann schwierig werden könnte?

Eine gewisse außerparlamentarische Opposition, die durch uns ins Parlament hinein wirken kann, halte ich für richtig und wichtig …

Das heißt, auch einen Romantischen Weihnachtsmarkt von Antifa und Linken zur Erbauung der so genannten „Fürstin“ Gloria und ihrer neu-rechten Salongesellschaft von Hans-Georg Maaßen bis Alice Weidel wird es weiterhin geben?

Muss und wird es geben. Auf jeden Fall! Sachpolitik und Aktivismus ist für mich kein Widerspruch. Im Gegenteil. Wenn wir zum Beispiel über Fahrradwege reden, spielen da ja ne Menge Fragen mit herein: Wird da vielleicht Parkraum abgebaut (was ich grundsätzlich befürworte)? Ist der Radweg so geschützt, dass Schulkinder nicht durch Elterntaxis, die auf dem Fahrradweg parken, gefährdet sind? Es ist nie nur der Fahrradweg allein. Oder die Baugenehmigung: Wer baut denn? Sind es Genossenschaften? Sind es soziale Interessen, derentwegen ein Haus vom Markt genommen werden soll? Sind’s Mietsyndikate oder Ähnliches? Sachpolitik oft viel aktivistischer als man denkt. Und uns sehe ich da mehr als verlängerten Arm einer gesamtlinken Bewegung im Parlament.

Wanner (Mitte), Stadtratskandidat:innen: „Verlängerter Arm der Gesamtlinken im Parlament“ © Die Linke

#4 DAS SOZIALPAKET

Die Linke wird sich im Rathaus dafür einsetzen, „dass Wohnen als Grundrecht behandelt wird“, hast du bei deiner Bewerbungsrede im Juli gesagt. Wie soll das gehen?

Wir müssen es schaffen, die Privatisierung und Profitmaximierung auf dem Wohnungsmarkt abzustellen! Man muss Wohnungen und Wohnraum sozialisieren und als Gemeinschaftsgut denken und erhalten. Und am Ende des Tages muss Wohnraum für alle ausreichend vorhanden sein. Wohnraum ist nicht dafür da, dass sich Spekulanten und Miethaie damit die Taschen voll machen.

Gutes Stichwort: Wie geht man um mit Vorstößen wie dem der lokalen Immobilien- und Bauwirtschaft, die mal eben das Regensburger Baulandmodell abschaffen will? Die Sozialquote – 40% geförderte Wohnungen bei Neubauten – soll weg. Und die CSU, oh Wunder, hat schon signalisiert, dass sie bereit ist, das Baulandmodell auszusetzen. Damit bezahlbarer Wohnraum noch knapper wird?

Da drängt sich natürlich die Frage auf, wieviel Spenden die CSU als Gegenleistung dafür bekommt! Aber für mich sind das alles Störgeräusche des Spätkapitalismus – und deshalb denke ich, dass wir mit diesen Leuten gar nicht groß umgehen müssen. Die Leute, die viel Besitz und viel Eigentum haben – und wir reden hier nicht über das Einfamilienhaus, das einer Familie gehört, sondern über die, die Hunderte oder Tausende Wohnungen vermieten und vermitteln – spüren selbst, dass da was ins Rutschen gerät. Sie merken, dass die Menschen anfangen, Fragen zu stellen. Der Markt richtet nämlich auch hier gar nichts. Es gab in Deutschland mal gewerkschaftseigenen, sozialen Wohnungsbau. Und auch wenn die Neue Heimat wenig glorreich untergegangen ist – die Idee ist wieder da. Es gibt Genossenschaftsmodelle. Und vielleicht sollte man am Ende des Tages einfach mal die Arbeiter:innen fragen, ob sie nicht lieber für die Menschen als für die Profiteure und Spekulanten bauen wollen. Denn es ist ja der Person, die eine Mauer aufstellt, glaube ich, auch lieber, wenn da ein Heim für Familien, bezahlbarer Wohnraum und irgendwie was Tolles entsteht als wenn man den x-ten Bunker hochzieht, der aussieht wie jedes andere Neubaugebiet und von dem man weiß, man selber wird ihn sich nie leisten können.

Ich kann immer noch nicht fassen, mit welcher Selbstverständlichkeit und Dreistigkeit die lokale Bau-und Immobilienwirtschaft schon wieder versucht, politische Entscheidungsprozesse  zu beeinflussen. Wird man in Regensburg eigentlich nie klüger?

Genau aus dem Grund wollen wir Linken ein Lobbyregister, mit harten Regeln! Aber ich bin auch überzeugt, das hört auf, wenn in Regensburg mehr integre Leute im Stadtrat sitzen – und an der Stelle muss ich jetzt kurz Wahlkampf machen: Ich erklär mich ja auch bereit, mein Gehalt auf den bayerischen Medianlohn zu deckeln, sollte ich Oberbürgermeister werden. Wir alle haben uns bereit erklärt, in den Sozialfonds zu spenden. Wenn ich möchte, dass Leute nicht bestechlich sind, muss ich Leute wählen, die Bestechlichkeit durch solche Strukturen aufschließen. Ganz einfach!

Wo sind umgekehrt die kreativen Überlegungen der Politik für bezahlbaren Wohnraum wie eine von der Kommune zu erhebende Leerstandsabgabe für Wohnungen, die dem Mietmarkt aus Spekulationsgründen entzogen werden?

Haben wir schon gefordert! Der Umgang mit der Zweckentfremdungssituation in Regensburg ist in meinen Augen viel zu lasch. Und man traut sich, glaube ich, oft auch einfach nicht sagen: Okay, die notwendige, letzte Konsequenz ist dann eben die Sozialisierung von Wohngebäuden, denn das Wohl der Vielen steht hier halt über dem Wohl Einzelner. Gerade bei spekulativem Leerstand können die Personen es womöglich auch verkraften, dass das Gebäude bebaut wird und vielen Menschen zugute kommt. Ich glaube, wir brauchen hier gar nicht so viele neue Ideen. Wir müssen nur endlich umsetzen, was im Grundgesetz steht und in den Gesetzen vorgesehen ist. Und wir müssen aufhören so zu tun als dürfe man sich mit Reichen nicht anlegen, nur weil sie Geld haben. 

Mitte November hat Die Linke ihre Mietwucher-App für die Städte Nürnberg, Würzburg, Erlangen und Passau freigestaltet. Was ist mit Regensburg?

Kommt! Wir sind dran. Die App ist nicht wenig Arbeit. Da steckt ja auch viel Händisches dahinter. Ich kann nur sagen: In den nächsten Monaten kommt sie auf jeden Fall.

Die Staatsregierung hat angekündigt, 2026 und 2027 jeweils eine halbe Milliarde aus dem bayerischen Anteil am Sondervermögen des Bundes für Infrastruktur in die Wohnbauförderung zu stecken. Kann/ wird Regensburg davon profitieren?

Ich hoffe! Ein Argument ist auf jeden Fall, wie stark die Stadt in den vergangenen Jahren gewachsen ist und weiter wächst. Dazu kommt, dass den Kommunen in den letzten Jahren ja ständig Mittel entzogen worden sind – und dass es nicht so ausschaut als würde ihnen wieder mehr Geld gegeben werden auf Dauer. Also, Regensburg ist auf diese Fördergelder schon auch angewiesen. Und als linker OB wäre ich mir bestimmt nicht zu schade, Staats- und Bundesregierung damit auf die Nerven zu gehen (lacht).

Du willst „für ein soziales und ökologisches Regensburg kämpfen“, hast du in deiner Bewerbung gesagt. Und folgendes Versprechen abgegeben (Zitat): „Mit der Linken wird es wieder eine soziale Kraft im Stadtrat geben. Eine, die Armut bekämpft und nicht bloß darüber spricht, ohne etwas zu unternehmen“. Wie sieht die Agenda dazu aus?

Das Sozialkapitel ist das größte in unserem Wahlprogramm. Zusammengefasst würde ich sagen: Es geht darin vor allem um niedrigschwellige, auch kostenlose Angebote der Daseinsvorsorge. Und: Wir reden natürlich auch über Bezahlbarkeit, denn am Ende ist die größte soziale Frage die Unbezahlbarkeit von Wohnraum und auch des öffentlichen Raums, also, wenn Menschen sich nirgendwo mehr aufhalten können, weil alles kostet. Die zweite Ebene ist: Wir müssen dafür sorgen, dass es Arbeitsplätze gibt, die tariflich und gut bezahlt sind. Dass sich Firmen ansiedeln, die dazu bereit sind und das auch wollen. Da schauen wir in Zukunft auf jeden Fall genauer hin.

#6 MEINE WELT. DEINE WELT 

Von einem „nachhaltigen Verkehr, der nicht autozentriert ist“, einer „klimaangepassten Stadt“ und „einem ÖPNV der zukunftsfähig und gut ausgebaut ist“ , wie du ihn forderst, haben in Regensburg schon Viele geträumt. Was davon übrig bleibt, hat man erst in der letzten Wahlperiode wieder erleben können, als die CSU die eigentlich schon fixen Pläne für eine Stadtbahn hat platzen lassen. Ist Regensburg einfach nicht bereit für mehr Klimaschutz?

Ich glaub eher, dass die CSU nicht bereit ist für mehr Klimaschutz! Regensburg ist es schon. Grad jetzt im Obermünsterviertel passiert ja wahnsinnig viel, was auch Klimaschutz ist – also öffentlicher Raum mit viel Grün. Das Problem ist: Wenn jemand 40 Stunden die Woche arbeitet im schlecht bezahlten Job, zwei Kinder durchbringen muss, dann hat er nicht auch noch Zeit, in eine Stadtratssitzung zu gehen, um dort für mehr Klimaschutz zu trommeln. Ich glaube, die Regensburger:innen sind bereit für mehr und auch für sozialen Klimaschutz. Nur ist es so, dass die, die am fossilen Spätkapitalismus hängen, einfach noch in den Positionen sitzen, wo sie’s zu verhindern wissen. 

Fakt ist: Der Klimawandel schreitet fort und wir haben nicht mehr viel Zeit. Genau genommen gar keine mehr. Wie wär’s also mit mehr Ordnungspolitik? Abgaben auf klimaschädlichen Verkehr wie höhere Parkgebühren für große/ schwere Fahrzeuge wie SUVs oder Pickups oder eine City-Maut?

Bin ich dafür! Ich finde, wer nachts zum Spaß durch Regensburg fährt, sollte das nicht machen. „Ordnungspolitik“ klingt in dem Fall schlechter als es ist. Es geht ja darum, die Lebensgrundlagen auch für zukünftige Generationen zu erhalten. Und wenn das eben nur dadurch funktioniert, dass man individuelle Freiheiten an einer Stelle beschneidet – aber ganz viele an anderen Stellen wieder gibt! – sehe ich darin kein Problem. Also, mein Angebot an alle, die sich nachts in Regensburg aufhalten wollen, wäre ein großzügiges, gut durchdachtes Straßenbahn-System. Dann muss man auch gar nicht mehr durch die Innenstadt brettern. 

Ich frage mich auch, warum, was in Paris geht, nicht auch bei uns klappen sollte? Warum schwärmen die Leute immer von Kopenhagen und wie nett man dort mit dem Fahrrad unterwegs sein kann – aber daheim in Regensburg rollen sie mit dem SUV quer durch die Fußgängerzonen bis vor die Geschäfte?

Ich glaube, da gibt’s einfach eine gewisse Dissonanz zwischen dem, wie wir aufgewachsen sind, und dem, was heute notwendig ist. Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, fallen mir Stichworte wie „Abwrackprämie“ ein – man kauft sich ein neues Auto, das alte verschrottet man und kriegt dafür noch Geld von Staat. Ich denk an Fernsehwerbung mit Fußballstars, die mit irgendwelchen Automarken kooperiert haben. Werbung für Schiffskreuzfahrten. Oder wie Fluggesellschaften mit Steuermitteln gerettet wurden. Das war, was den Menschen jahrzehntelang nahegebracht wurde. Daran, dass ein Fußballer mal Werbung für Fahrräder gemacht hätte, erinnere ich mich nicht. So gesehen ist den Leuten individuell gar kein Vorwurf zu machen, die hier in einer Art Dauerfeuer von der fossilen Lobby indoktriniert worden sind – bis hin zum Irrsinn mit dem eigenen, ökologischen Fußabdruck, der ja auch nur von den großen Verpester:innen ablenkt. Die Wende kann hier nur gelingen, wenn wir kollektiv umsteuern.

#7 MAMDANI? ELKE KAHR!  

Schauen wir noch mal kurz auf die politische Landschaft in Regensburg, vielleicht auch im Hinblick darauf, was nach der Wahl sein könnte! Ein möglicher Koalitionspartner für Die Linke – mit Blick auf eine Rot-Grün-Rote Stadtregierung – wären die Grünen. Deren OB-Kandidatin Helene Sigloch hat gleich nach ihrer Nominierung aber schon mal in Richtung CSU geblinkt. Und die SPD ist die Ranschmeiße an die CSU ja eh gewohnt …Schlechte Karten?

Nicht unbedingt. Dem Rechtsruck der CSU setzen wir ja Utopien und Ideen und Kreativität für die Zukunft entgegen. Und so gesehen, könnte es auch sein, dass eine Grünen-Basis oder auch eine SPD sich am Ende für uns entscheidet. Ich glaube, ganz Viele können sich gerade nicht vorstellen, wie es denn wäre, wenn man eine Rot-Grün-Rote oder Grün-Rot-Rote Stadtregierung hätte. Dabei täte es sowohl den Grünen wie auch der SPD nur gut, wenn sie sich aus der Allmacht der CSU heraus bewegen. Die Basis der Parteien ist dafür, glaube ich, bereiter als das Spitzenpersonal.

Es ist jetzt immer viel von Zohran Mamdani und New York die Rede, wenn demokratische Sozialist:innen nach Wegen suchen, um bei Wähler:innen zu punkten. Auch Elif Eralp, Bürgermeister-Kandidatin der Linken in Berlin, will ihre Kampagne nach dem Vorbild Mamdanis gestalten. Was ist mit dir?

Also, ich mein, wir setzen ja auch auf gute Bezahlbarkeit von Daseinsvorsorge, Mamdani hat hier unter anderem noch die Supermärkte im Angebot. Ich sehe seinen und unseren Wahlkampf als gar nicht so unterschiedlich an. Aber ich erkenn dann doch, dass New York und Regensburg zwei sehr verschiedene Städte sind (lacht). Man darf auch nicht vergessen: In den USA ist Wahlkampf viel polarisierender, viel überzogener. Es werden viel mehr Versprechen gemacht. Und der New Yorker Bürgermeister hat ja auch viel mehr administrative Macht. Ich find’s auch toll, das Mamdani die Wahl gewonnen hat. Aber man muss New York schon als den Kosmos betrachten, der er ist – und darf nicht denken, dass so ein Wahlkampf, wie Mamdani ihn geführt hat, 1:1 auch bei uns funktioniert.

Mir gefällt zum Beispiel auch, wie geräuschlos Elke Kahr von der KPÖ seit 2021 in Graz regiert, übrigens in einer Koalition mit den Grünen und der SPÖ und mit einer „sehr niederschwelligen, bürgerorientierten Politik“ (Kleine Zeitung). Ich nehm an, der Name sagt dir was?

Auf jeden Fall! Wir haben uns ja viel aus Graz und von der KPÖ auch abgeschaut, das gebe ich offen zu. Die Sozialsprechstunden zum Beispiel oder der Gehaltsdeckel sind Ideen, die die österreichischen Kommunist:innen hatten und auch umsetzen, und das finde ich auch richtig. Ich finde den Fokus auf Graz auch naheliegender als nach New York zu gucken.

Kahrs Politik und die ihrer Koalition funktioniert auf jeden Fall so gut, dass sie jetzt angekündigt hat, bei den Gemeinderatswahlen 2026 erneut zu kandidieren. Vielleicht lohnt sich ja ein Betriebsausflug der Regensburger Linken nach Graz im nächsten Jahr?

Das sollten wir tun, auf jeden Fall! Ich weiß von den bayerischen Linken, die öfter mal in Salzburg und in Graz sind – in Salzburg stellt die KPÖ ja den Zweiten Bürgermeister. Die Münchner Linken haben gute Kontakte nach Graz. Und fürs uns in Regensburg wär’s sicherlich auch sinnvoll.

„Aufhören so zu tun, als dürfe man sich nicht mit Reichen anlegen, nur weil sie Geld haben“: Wanner bei einer Protestaktion gegen Wohnraum-Leerstand in Regensburg © Bastian Fruehm
Sebastian Wanner hat an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA) in Mannheim Beratung für Bildung, Beruf und Beschäftigung studiert und dort 2024 seinen Bachelor gemacht („Der Einfluss von Gewerkschaften auf Arbeitnehmer:innenrechte im Wandel der Zeit – Eine Betrachtung von gestern, heute und morgen“). Er ist Mitglied der Gewerkschaft ver.di und arbeitet als Vermittler in der Agentur für Arbeit Schwandorf. Wanner kickt gern, aber nicht mit Faschisten (steht auf seinem Lieblings-Hoodie). Als Fußballschiedsrichter ist er gewohnt, strittige Situationen moderieren und Entscheidungen treffen, Qualifikationen, die für ihn in der Politik noch von Vorteil sein könnten. Auf der persönlichen Ebene dagegen lässt er professionelle Routine oder gar Attitüde nur widerstrebend zu. Er kann zuhören und tut das auch. Achtsamkeit muss man bei ihm nicht einfordern, weil sie zu seinen Skills gehört. Bei der Bundestagswahl 2025 holte Wanner zuletzt sieben Prozent der Zweitstimmen für Die Linke in Regensburg - es war der Turnaround für die schon totgesagte Partei, die vor allem auf soziale Themen setzt. Der Trend ist gerade der Freund der Linken. Und Wanner? Muss ja nicht gleich OB werden, sagt er. Sozialbürgermeister wär doch auch etwas!