„Ich mag Männer mittleren Alters, denen was passiert, wo sie sich aus ihrer Komfortzone heraus bewegen müssen“, sagt der Zeichner Frank Schmolke: „Männer am Rand des Nervenzusammenbruchs quasi“ wie Alexander Zorbach. Der Protagonist in Schmolkes neuem Comic „Der Augensammler“ – nach Sebastian Fitzeks gleichnamigem Thriller – ist ein Verlorener, sein Absturz eine Höllenfahrt in Technicolor

0941mag: Ihre neueste Arbeit ist die Adaption eines Romans von Sebastian Fitzek, „Der Augensammler“. Können Sie kurz was zur Geschichte sagen, worum geht’s?

Frank Schmolke: Es geht um einen ehemaligen Polizisten, der mittlerweile als Polizeireporter arbeitet, frisch geschieden ist und mehr oder weniger planlos durchs Leben trudelt. Ein Vorfall vor ein paar Jahren hat ihn aus der Bahn geworfen. Dieser Alexander Zorbach findet durch ein paar Zufälle zu Alina Grigoriev, einer blinden Physiotherapeutin, die behauptet, sie kennt den Serienkiller, der gerade Berlin unsicher macht. Angeblich kann sie durch Berührungen anderer Menschen in die Vergangenheit sehen. Das ist so ungefähr der Plot – von Sebastian Fitzek, nicht von mir, ich hab ihn nur adaptiert.

Alexander Zorbach, Alina Grigoriev: Ein Verlorener und seine Nemesis

Ich hätte gar nicht gedacht, dass Sie und Sebastian Fitzek so was wie Best Buddies sind …

Sind wir auch nicht! Ich kannte ihn vorher nicht mal. Der Splitter Verlag hat bei mir angefragt, ob ich Lust hätte, einen Stoff von ihm zu adaptieren. Daraufhin habe ich angefangen, mich in seine Bücher einzulesen. Auch während des Projektes hatte ich keinerlei Kontakt zu ihm. Das ging alles über den Verlag und über Herrn Fitzeks Agentur. Erst ganz am Schluss hatten wir mal einen Call zusammen.

Fitzek ist einer der meist gelesenen deutschen Krimi-Autoren. Sind Sie Krimi-Fan? Oder war das Neuland für Sie?

Das war absolutes Neuland für mich. Natürlich habe ich schon den einen oder anderen Krimi gelesen. Aber ich wusste zum Beispiel nicht, wer Sebastian Fitzek ist. Der Name war mir irgendwie geläufig, aber ich konnte ihn nicht einordnen. Das hat dann meine große Tochter für mich übernommen nach dem Motto: „Der ist ja total bekannt, das musst du auf jeden Fall machen“ – weil sie gemerkt hat, dass ich noch am Zögern war. Sie hatte auch selbst ein Buch von Sebastian Fitzek im Regal. Zum „Augensammler“ bin ich dann auf Umwegen gekommen …

Nämlich? 

Der Verlag hatte die Rechte von mehreren seiner Bücher gekauft, „Splitter“, „Das Kind“ und „Der Augensammler“, und spontan hatte ich mich für „Das Kind“ entschieden. Ich hatte sogar schon einen Monat daran gearbeitet, Dialoge rausgeschrieben, die ich verwenden wollte. Das Manuskript war fertig – was bei einem Buch von 450 Seiten ein ziemlicher Act ist, wenn man den Plot auf 200 Comic-Seiten runterbrechen muss. Aber ich war so weit. Da kam der Wunsch von der Agentur, ob ich nicht doch den „Augensammler“ machen wollte, weil der bei den Fans so beliebt ist. Das war letztes Jahr im Januar und ich dachte: Okay, nochmal alles auf Anfang, beim zweiten Mal ist man ja immer schneller, ich hab zwar einen Monat verloren, aber das krieg ich hin. Was ich nicht auf der Uhr hatte, war die enge Deadline. Der Splitter Verlag wollte mit dem Band noch ins Weihnachtsgeschäft. Das heißt: Ich musste spätestens Anfang Oktober fertig sein und das war dann alles sehr, sehr knapp.

Warum haben Sie sich überhaupt überreden lassen?

Fitzek hat, wie gesagt, unglaublich viele Fans. Und irgendwie scheint’s in seinen Büchern so einen Code zu geben, einen Schlüssel, der für ganz viele Menschen funktioniert. Das hat mich interessiert. Das fand ich spannend. Auch, wie ich das in den Comic übertragen könnte. Mein Ehrgeiz war, ein Buch für seine Fans zu machen, das aber schon auch etwas Eigenständiges hat. Deshalb war ich auch total dankbar für das Vertrauen, das der Verlag und Sebastian selbst mir entgegengebracht haben – er hat seine Geschichte ja praktisch in meine Hände gelegt und ich konnte damit erst mal machen, was ich wollte. Ich hab’ dann von mir aus dem Verlag, der Agentur und ihm selbst immer mal wieder Seiten zukommen lassen. Aber meine anfängliche Befürchtung, dass es da unglaublich viele Korrekturschleifen geben würde, bewahrheitete sich nicht. Im Gegenteil. Die haben mich alle komplett in Ruhe gelassen und ich konnte in Ruhe meine Version des Stoffes entwickeln. 

Was hat Sie am „Augensammler“ fasziniert? 

Ich mag so verlorene Figuren wie Alexander Zorbach! Die tauchen in meinen Comics ja auch immer wieder auf: Männer mittleren Alters in der Midlife-Crisis, denen was passiert, wo sie sich dann aus ihrer Komfortzone heraus bewegen müssen. Männer am Rand des Nervenzusammenbruchs quasi, die über sich hinauswachsen, wenn’s gut läuft. Wobei es in meinen Comics ja meistens nicht so gut läuft … Abgesehen davon war’s für mich auch eine Chance, mich mal einer völlig anderen Leserschaft zu präsentieren.

Fitzek sagt, er war eigentlich der Meinung, dass er die Bilder, die er beim Schreiben im Kopf hat, exklusiv für sich hat. Dann sah er Ihre Entwürfe und hatte das Gefühl, seine Phantasien seien Realität geworden. Klingt fast ein bisschen spooky, finden Sie nicht?

Ja, auch dass er umgekehrt in meinem Kopf war! Dass das so funktioniert. Das hätte ich nicht gedacht.

Gibt’s da so eine Art Geistesverwandtschaft zwischen Ihnen? Was meinen Sie? Fitzeks Zorbach hat mich manchmal an Vincent erinnert, den Taxifahrer aus Ihrer Graphic Novel „Nachts im Paradies“…

Geistesverwandtschaft? Weiß ich nicht. „Nachts im Paradies“ ist ja auch autobiografisch, sozusagen die Summe aus meinen 30 Jahren Berufserfahrung als Taxifahrer/ Nachtfahrer in München. Sebastian dagegen denkt sich immer neue Plots aus. Das ist eine ganz andere Geistesarbeit, da muss man Geschichten kreieren. Ich dagegen erzähl oft von Dingen, die mir passiert sind oder die ich verändere und in eine fiktive Geschichte einfließen lasse.

Sie haben beide eine Vorliebe fürs Grelle: Ihre saufenden, kotzenden, prügelnden, notgeilen Wiesnzombis in „Nachts im Paradies“, Fitzeks Serienmörder-Setting samt Splatter und (S)Exploitation-Zutaten …

Naja, ich sag mal so: Wenn du nachts um eins mit dem Taxi irgendwo am Hauptbahnhof unterwegs bist und es ist Wiesn, dann siehst du ganz viele von diesen Zombies, die bei dir ins Taxi wollen … 

Wie Fitzek spielen auch Sie gern mit Schockeffekten.

Da geht’s nur drum, dass man die Leute ein bisschen erschreckt! Man muss aber aufpassen, was man macht – und ich versuch das immer möglichst reduziert zu machen oder nicht zu krass und ich denk, das ist im „Augensammler“ auch so – da hätte man einige Szenen noch sehr viel krasser machen können.

Der „Augensammler“ tötet Frauen, entführt Kinder und lässt den Vater nach ihnen suchen. Im Fall der Fälle entnimmt er den Kindern auch noch das linke Auge. Darauf muss man erst mal kommen. 

Ja, das ist hart, ich hab’ da auch mit meiner Frau darüber geredet, hab’ sie gefragt: Was glaubst du? Warum hat der Fitzek so einen Erfolg mit seinen Büchern? Warum hat er so viele Fans? „Das sind Geschichten“, hat sie gesagt, „da kann man als Autor die Sau rauslassen und als Leser verschlingt man so ein Buch, weil da gehts voll zu. Dabei ist es nur beschriebene Gewalt.“ Und das ist, glaube ich, der Punkt: Das Buch mit seinem Plot setzt Bilder und Phantasien frei im Kopf des Lesers – von den Schauplätzen bis zu den Figuren. Ich dagegen zeige, wie das aussieht. Und deshalb passe ich auch auf. Der Comic ist ja so ein Hybrid zwischen Buch und Film. Nur: Wenn man sich beispielsweise einen Tarantino-Film anschaut, in denen es unglaublich viel Gewalt gibt, dann wissen die Leute: Das ist nicht ernst gemeint. Das ist Ironie! Bei Comics dagegen würde ich nicht drauf wetten und deshalb, ja: Ich bin kein Freund von Gewalt- und Sexszenen. Ich mach’ das ab und zu, hab’ aber noch nie von meinen Verlagen gesagt gekriegt: „Das kannst du so nicht machen!“ Ich bin keiner, der da besonders radikal ist.

Richtig, dass Sie im Taxi mit dem Zeichnen angefangen haben?

Nein, ich hab schon als Kind gern Comicfiguren gezeichnet! Aber leben kann ich vom Comiczeichnen erst seit drei Jahren. Ich hab’ so eine Arbeiterbiografie. Hab viel auf Baustellen gearbeitet und dann, mit Anfang 20, den Taxischein gemacht. Danach bin viel Taxi gefahren. Hab’ sieben Jahre lang in einem Baubüro als Bauzeichner gearbeitet. Ich hab’ überhaupt einiges gemacht. Aber eigentlich wollte ich immer Comiczeichner werden und Illustrator. Das hat dann gedauert – solange, bis meine Kinder auf die Welt kamen. Und genau in dem Moment, wo man eigentlich Geld braucht, weil Kinder nun mal teuer sind, habe ich versucht, mich selbständig zu machen. Im denkbar schlechtesten Moment. Also … das war schon ein längerer Weg.

Sie haben mal gesagt, zwischen dem Taxifahren und dem Zeichnen gäb’s Parallelen.

Ja, so ein Fahrgast ist wie ein unbeschriebenes Blatt. Der steigt ein und in der Regel hast du den noch nie gesehen. Während der Fahrt entsteht dann entweder ein Gespräch oder auch nicht, ein Schweigen oder eine Stimmung, und so füllt sich dieses anfangs leere Blatt allmählich mit Strichen. Wenn er dann aussteigt, ist das Blatt irgendwie gefüllt, und du kannst ihn einigermaßen einordnen: Was ist das für ein Typ? War der jetzt nett oder war Sie jetzt nett? War das ne komische Fahrt und so weiter … 

Beim „Augensammler“ waren Sie laut Impressum für „Textadaption, Illustration und Farben“ zuständig. Klingt harmlos, ist aber eine mittlere Sensation, denn bisher haben Sie ausschließlich in Schwarzweiß gezeichnet, oder?

Meine Illustrationsjobs habe ich schon in Farbe gemacht – dadurch konnte ich jetzt auch in der notwendigen Geschwindigkeit arbeiten, weil ich mehr als 20 Jahre Berufserfahrung habe. Aber ja, der „Augensammler“ ist tatsächlich meine erste farbige Arbeit in einer Graphic Novel. Ich hab’ in Anthologien schon farbig gearbeitet. Hab’ unter anderem zu einer Biografie-Anthologie über Elvis Presley eine Geschichte beigesteuert. Und auch in „Tentakel“, dem Münchner Comic-Magazin, das ich mit ein Paar Kolleginnen und Kollegen in den 1990er-Jahren gegründet habe, hatte ich immer wieder mal farbige Sachen drin. Das waren aber mehr Experimente. So eine dicke Arbeit in Farbe wie den „Augensammler“ gab’s bisher von mir  nicht. 

Auch „Freaks“, Ihre Graphic Novel zum Netflix-Film von 2020, erschien noch in Schwarzweiß. War das eigentlich eine Frage der Ästhetik für Sie, vielleicht auch der Vorbilder in Bildsprache und Stil?

Ich mag einfach diesen ursprünglichen Strich! Das ist wie wenn du mit dem Pinsel auf ein weißes Blatt Papier zeichnest – ursprünglich, nicht verkünstelt, es ist, wie’s ist, das hat mir immer sehr gefallen. Ich arbeite gern mit Schwarzweiß, aber ich weiß auch, dass viele Leserinnen und Leser Probleme damit haben. Wobei, das ändert sich gerade. Vielleicht, weil Schwarzweiß anspruchsvoller wirkt. Das sieht dann mehr nach Graphic Novel aus und nach wichtigen Themen. Aber in der Zeit um 2019, als „Nachts im Paradies“ erschien, war das noch nicht so. Da hatte ich sehr zwiespältige Feedbacks von den Lesern.

„Nachts im Paradies“ haben Sie noch mit dem (Tusche-)Stift gezeichnet, „Freaks“ schon auf dem Tablet. Was ist der Unterschied?

Was analog auf dem Papier entsteht, hat für mich einen ganz anderen Strich – der ist nicht so glatt, der hat Fehler, der lebt für mich mehr wie so eine Photoshop-Zeichnung, die doch sehr glatt wirkt. Aber bei „Freaks“ war’s ähnlich wie beim „Augensammler“: Es war wenig Zeit und auf dem großen Tablet ist man einfach schneller. Die Idee bei „Freaks“ war ja, dass ich das Drehbuch adaptiere, ohne Fotos vom Set gesehen zu haben oder groß was über den Film zu wissen – und es kamen ja dann auch zwei völlig unterschiedliche Dinge dabei heraus. Wenn man den Film mit dem Comic vergleicht, ist das etwas total Anderes. Einerseits fand ich das spannend. Andererseits war ich super enttäuscht, weil mir der Film nicht gefiel. Beim Zeichnen bin ich mir aber treu geblieben: Ich hab’ versucht, den rauen Strich des Pinselstifts auf dem Tablet zu imitieren, das geht mit Photoshop und den meisten Lesern fällt das gar nicht auf. Das ist ja mehr so ein Weiterlesen beim Comic, da guckt man nicht so auf den Strich, liest eher die Dialoge und lässt sich über die Bildstrecken von der Handlung davontragen. Aber ich … naja, ich bin da halt ein Nerd, ein wenig Old School, darauf lege ich Wert. 

„Der Augensammler“ ist Ihre bislang aufwändigste Produktion. Wie habe ich mir das vorzustellen? Wie kam die Farbe aufs Blatt?

Auch „Der Augensammler“ ist auf dem Tablet entstanden. Aber ich bin dabei so vorgegangen, wie ich auch auf dem Papier vorgegangen wäre. Das heißt: Ich hab’ erst mal eine rohe Skizze gemacht. Mit dem Bleistift-Tool. Beim analogen Arbeiten würde man dann gleich kolorieren und erst danach mit den Outlines drüber gehen. Auf dem Tablet macht man’s umgekehrt: erst die Outlines, dann die Farbe. Man kann beim digitalen Arbeiten auch viel leichter was korrigieren, das ist einerseits praktisch, andererseits sehen die Panels aber halt auch dementsprechend glatt und perfekt aus. Papier verzeiht Zeichenfehler nicht so leicht, aber mit TippEx und Deckweiß kann man schon was machen. Da lebt so ein Blatt dann auch ganz anders, hat eine ganz andere Haptik und sieht nicht so gefällig aus.

Warum muss ich bei Ihrer neuesten Arbeit ständig an alte Technicolor-Filme denken? 

Ich mag diese alten Filme gern! Ich mag auch die Farbigkeit aus diesen Filmen, die Kameraeinstellungen, das sind andere Filme wie die heutigen, nicht so hochgeboostert mit Spezialeffekten und Computertechnik. 

Beim Technicolor-Verfahren wurden die gefilterten Farbanteile auf Schwarzweiß-Film belichtet, habe ich gelesen. Kommt Ihnen das bekannt vor? Auch bei Ihnen sieht es so aus, als würde das viele Schwarz die Farben anders leuchten lassen: Die Tage im „Augensammler“ sind fahl. Die Gesichter der Menschen grau oder blaßgelb. Nur die Nacht ist durchwirkt von einem mal grellen, mal dunklen Rot. 

Das mit dem Technicolor finde ich einen schönen Vergleich! Ich hatte da erst neulich ein Gespräch mit einem Freund, der für den „Groben Unfug“ arbeitet, den legendären Berliner Comicladen, und er hat mir erzählt, dass er mit dem „Augensammler“ erst gar nix anfangen konnte. Aber dann hat er den Band noch einmal durchgeblättert und ist an der Farbigkeit hängengeblieben. Er habe sich an eine Szene mit ein paar sehbehinderten Kundinnen erinnert, die in den Laden kamen und die Action-Figuren, Batman und Spiderman, berühren wollten, um die Figürlichkeit zu spüren. Bei der Gelegenheit hätten die Kundinnen davon berichtet, was sie wie sehen – und das muss von der Farbigkeit und den Flächen der Kolorierung  im „Augensammler“ sehr nahe kommen. Ich meine: Das ist natürlich Zufall. Ich hab’ das vorher nicht recherchiert und dann umgesetzt. Tatsächlich hängt meine Vorliebe für bestimmte Farben wohl damit zusammen, wie ich künstlerisch sozialisiert bin.

Und zwar?

Kennen Sie die Bilder von Max Beckmann? Wenn Sie da im Netz gucken, werden Sie sehen: Die Farben im „Augensammler“ sind Beckmann-Farben. Die Farbpalette, die Komplementärkontraste, diese gegenüberliegenden Farben, die sich auch mal beißen. Ich mag auch entsättigte Farben. Das ist so ein ästhetisches Empfinden von mir. Aber ich kenn’ auch Menschen, denen wird von diesen Farben schlecht.

Das Rot auf dem Cover sieht aus wie gestocktes Blut, die Schwärze von Zorbachs Mantel hat etwas Mephistophelisches …

… auch das sind typische Beckmann-Farben! Das Türkis der Schrift, das Rot und die vielen Schwarzanteile, das ist charakteristisch für ihn. Das habe ich scheinbar in mich eingesaugt. Beim Zeichnen habe ich es gar nicht gemerkt. Aber im Nachhinein fällt’s mir selber auf.

Am wärmsten leuchtet Ihr Rot, als Zorbach nach der Scheidung von seiner Frau einen Swingerclub besucht, als müsse er sich selbst versichern, dass er noch lebt. Dabei lernt er Charly, eines der späteren Opfer des Serienmörders, kennen und verliebt sich in sie …sozusagen die ultimative Verquickung von Sex und Tod im Farbkonzept? 

Klingt gut (lacht), aber ehrlich gesagt hatte ich gar nicht die Zeit, dass ich mir das so genau überlege …

Auch sonst haben die Panels in diesen Szenen eine unglaublich sinnliche Anmutung. Den Geruch von „Vanille, Moschus und Schweiß“ zum Beispiel, der Zorbach beim Betreten des „Triebhauses“ entgegenschlägt, kann man richtig riechen.

Mein Glück war, dass ich die Dialoge verändern konnte. Viele kommen im Roman so gar nicht vor – wie die Stimme-aus dem Off in dieser Szene. Als Taxifahrer bist du halt oft auch in Puffs und Clubs, holst Fahrgäste da raus, und aus der Zeit habe ich diesen Geruch noch in der Nase. Und ich seh noch dieses übertriebene violettfarbene Licht mit den Konfettisprengseln. So sieht das in solchen Bars aus. Natürlich habe ich das überzeichnet, aber das sind so Codes. Jeder, der mal in sowas drin war, erkennt das wieder. 

Der Alltag wirkt dagegen  grau, in der Redaktion des „Berliner Telegram“, wo sie dem abgängigen Reporter Zorbach immer zorniger hinterher telefonieren, und auch draußen, wo’s nie richtig hell wird. Es herrscht in dieser Geschichte ein Zustand permanenter Dämmerung, von der man das Gefühl hat, dass sie jederzeit kippen könnte – Richtung Finsternis.

Eigentlich wollte ich den ganzen Band nur mit diesen Farben der ersten Seite machen, in diesem Blauton und dem entsättigtem Gelb. Aber das ist nicht durchzuhalten über ein gesamtes Buch, das wär dann zu ästhetisch auch fürs Ganze.

Ihre Bildsprache war schon immer sehr suggestiv. „Der Augensammler“ wirkt nun wie eine farbeninduzierte Höllenfahrt, wie eine Ausgeburt des seligen 70er-Jahre Trash-Kinos, wo man auch jederzeit auf alles gefasst sein musste.

Stimmt. Beim ersten Durchblättern dachte ich mir: Das kann man auch wie eine alte Pulp-Geschichte lesen! Das ist Pulp Fiction. Und das war auch so mein Ansatz, dass ich dachte: Vielleicht sollt’s ja in diese Richtung gehen. Der Verlag hat das ganz clever gemacht, die haben in keiner Weise auf mich eingewirkt und das war genau richtig für mich. Denn sobald da Meinungen kommen, Feedbacks von Entscheidern, wird es schwierig. Dann wird aus so einer reizvollen Arbeit schnell auch mal ein Auftragsjob. So war es Gott sei Dank hier nicht.

Adieu, Zorbach: Is that all there is?

Wie war die Arbeit mit Farbe unterm Strich für Sie? Animierend? Inspirierend?

Es war auf jeden Fall gut, das zu machen, auch mal in so einer Dichte. 

Ihr Output in den letzten Jahren war enorm …

Weil ich gut bezahlt wurde! Ich musste mich nicht nebenher noch um irgendwelche Illustrationsjobs kümmern, nur um die Miete zahlen zu können. Am Anfang verdienst du als Zeichner ja so gut wie nix. Heute zahlen mir die Verlage Vorschüsse, aber drei Jahrzehnte lang war das nicht der Fall. Und so geht es den meisten Comiczeichner*innen in Deutschland. Du kriegst vielleicht ein, zwei Rezensionen für dich als Streicheleinheit. Wenn’s gut läuft, wirst du gut besprochen, aber erstens interessiert das nur ganz wenige und kaufen kannst du dir halt auch nichts dafür. Um dran zu bleiben und weiter zu machen, braucht man ein stabiles Umfeld. Ich zum Beispiel hatte immer eine Familie, die mich unterstützt. Die gesagt hat: Okay, das ist jetzt nicht das dicke Geld mit zwei Kindern, was wir da haben. Aber Hauptsache, wir fühlen uns gut dabei. Das hat mir Kraft gegeben. Und deshalb konnte ich das jetzt so richtig raushauen alles.

Kann, soll das in diesem Tempo so weitergehen?

Nein, zuletzt hatte ich einfach auch Glück. Das versuche ich zu genießen, wobei das letzte Jahr echt aufreibend war. Ich hab’ ja fast schon im Atelier geschlafen, war fast gar nicht mehr zu Hause. Ob und wie es weitergeht, hängt aber nicht nur von mir ab, da spielen so viele andere Dinge mit herein. Es kommt darauf an, was man angeboten bekommt. Und jetzt, mit der Pandemie, kommt noch dazu, dass die Leute ja eher an Kunst sparen und es sich dreimal überlegen, ob sie einen Comic kaufen.

Sebastian Fitzek hat eine Fortsetzung seines „Augensammlers“ geschrieben mit dem Titel „Der Augenjäger“. Steht ihr da in Kontakt?

Es gibt vom Verlag aus den Gedanken, das zu machen. Ja. Aber wir warten jetzt noch ein bisschen ab, gucken, wie sich das weiter entwickelt, wie sich „Der Augensammler“ verkauft, aber die Zahlen sind gut. Trotzdem hab’ ich mir erstmal eine Auszeit erbeten. Ich möchte jetzt nicht sofort wieder loslegen. Und natürlich muss auch Sebastian Fitzek wollen. Prinzipiell aber hätte ich schon Lust.  

„Freaks“ endete auch mit einem Cliffhanger. Fortsetzung denkbar?

Die wird es nicht geben! Das war ein interessantes Experiment, aber so ein Superhelden-Ding ist einfach nicht mein Stoff. Ich würde gern mal wieder was machen wie „Nachts im Paradies“. Da habe ich auch schon ein paar Geschichten im Kopf, für einen Autorenband, bloß ist das in der Regel mit wenig Einnahmen verbunden. Das müsste man dann halt mit anderen Jobs verbinden. Mal sehen. Ich bin ja auch schon 54 und wenn ich als Autor meine eigenen Bücher machen will – was ich am liebsten täte – dann habe ich dafür nicht mehr ewig Zeit.

Frank Schmolke / Foto: privat
Frank Schmolke, Jahrgang 1967, ist der Shooting Star der deutschen Comic-/ Graphic Novel-Szene. Sein Taxi Driver-Memoir "Nachts im Paradies", ein ebenso hyperrealistisches wie gnadenloses Münchner Sittenbild, wurde 2019 als "einer der besten deutschsprachigen Comics des Jahres, wenn nicht des Jahrzehnts" (SZ) gefeiert. Aus der banalen Superhelden-Story des Netflix-Films "Freaks" machte Schmolke 2020 ein "düster-punkiges Abenteuer um eine Frau, die um Selbstbestimmung und Würde kämpft"; der Plot wird bei ihm zur "kraftvollen Gesellschaftsanalyse" (Deutschlandradio). Beide Bände sind bei Edition Moderne in Zürich erschienen. Für "Der Augensammler" brachte der Splitter Verlag Schmolke 2021 mit Deutschlands "Thriller-König" Sebastian Fitzek zusammen